Neu im MET Museum: Rei Kawakubo – Art of the In-Between

Es gibt einige Modedesigner, die ich besonders bewundere. Und das nicht unbedingt weil die Kleidung, die sie entwerfen schön ist. Meistens trifft das Wort „schön“ gar nicht richtig zu, zumindest nicht so, wie es die meisten definieren würden. Nein, ich schätze diese Designer so sehr, weil sie Kleidung als Kunstform sehen – und mich damit immer wieder faszinieren. Ganz oben auf dieser Liste steht die Japanerin Rei Kawakubo mit ihrem Label Comme des Garçons. Ihr wird dieses Jahr eine ganz besondere Ehre zuteil. Welche das ist und warum ihre Geschichte die Modewelt seit den 80er Jahren so fasziniert? Lest selbst:

 

Das zweite Mal erst wird die alljährliche Gala des Metropolitan Museum of Art in New York einer noch lebenden Mode-Ikone gewidmet. Zuletzt war das im Jahr 1983 der Fall, als ein junger Modeschöpfer die Welt mit seinen visionären Entwürfen immer wieder aufs Neue beeindruckte – Yves Saint Laurent. Zwei Jahre davor beging Rei Kawakubo gerade erst ihr Laufsteg-Debüt. Und nun, nach einer ebenso langen wie erfolgreichen Karriere, die noch lange nicht vorbei ist, wird der japanischen Design-Rebellin der Event samt dazugehöriger Ausstellung gewidmet. Eine große Ehre, die – und da ist sich die Modewelt einig – absolut verdient ist. Die Ausstellung „Rei Kawakubo/Comme des Garçons: Art of the In-Between“ widmet sich dem vollständigen Werk ihrer Modemarke Comme des Garçons und zeigt insgesamt 120 verschiedene Kreationen. Angefangen von ihrem Laufsteg-Debüt bis hin zu den aktuellen Shows. Der Aufbau wird in kontrastierende Themenbereiche aufgeteilt: Ost/West, männlich/weiblich und Vergangenheit/Zukunft, um so Kawakubos Begeisterung für das Dazwischen-Sein auszudrücken. Aber was macht diese Modemarke samt der Frau dahinter seit Jahrzehnten so faszinierend? Um eine Ahnung davon zu bekommen, genügt bereits ein Rückblick auf die erste Comme-des-Garçons-Kollektion, die über den Pariser Laufsteg geschickt wurde.

 

Rei Kawakubo Art of the In-Between
Body Meets Dress–Dress Meets Body, spring/summer 1997 + Blood and Roses, spring/summer 2015; by © Paolo Roversi

 

Geburt des Hiroshima-Chic

Die Marke wurde zwar bereits 1969 gegründet, es war aber erst im Jahr 1981, als die aus Japan stammende Rei Kawakubo erstmals die Modewelt aufmischte. Die Kleider zeigten wie von Motten zerfressene Löcher, deformierte Formen, den Körper verhüllende Schnitte und Asymmetrie, wo zuvor noch keine denkbar war. Die Wogen gingen hoch. Als „Post-Atomar“ und „Hiroshima-Chic“ wurden ihre Entwürfe vor allem von der konservativen Presse zerstückelt. Als entsetzlich und politisch unkorrekt empfand man die sichtbaren „Auswucherungen“ der Kleidung. Um diese Verstörtheit zu verstehen, muss man auch die damalige Zeit betrachten, in die Kawakubo ihre Avantgarde-Mode hineingebar. Anfang der achtziger Jahre regierte der Glamour in Mode, Musik und Film. Die Fernsehserie Dallas mit ihren riesigen, in glitzerstoff gehüllten Schulterpolstern zeigte der breiten Masse, wie es gerade sein sollte. Gianni Versace und Thierry Mugler waren die von Luxus umwehten Designer der Stunde. In diese Welt schickte die Japanerin also ihre formlosen, schwarzen Stoffe, durchlöcherten Strickgewebe und zerfetzten Kleider. Natürlich fühlte sie sich missverstanden, äußerte sich aber mit starken Worten: „Ich war immer schon gegen Menschen, die mir sagen wollen, was ich zu tun habe.“

 

Rei Kawakubo Art of the In-Between
Cubisme, spring/summer 2007; by © Craig McDean + The Infinity of Tailoring, autumn/winter 2013–14; by © Collier Schorr

 

Bis heute sind Comme-des-Garçons-Shows ein Erlebnis. Exaltierte Formen, der Schwerkraft trotzende Skulpturen und Modelle, die gleichzeitig sakral, romantisch und morbide wirken. Dazu gehören auch die fröhlichen Polkadots, die sich von Beginn an durch Kawakubos Arbeit zogen und einen spannenden Kontrast zur oft düsteren Thematik bilden.

Sie sind sowohl als Kontrapunkt ein klassischer weiblicher Ansatzpunkt als auch eine Art, die Wahrnehmung großflächig zu verzerren. In ihrer Mode gibt es keine körperlichen Grenzen, genauso wie rationale Schnitte, die natürlichen Formen folgen. So dekonstruiert, fatalistisch und morbide ihre Entwürfe auch sind: Die Designerin stellt in ihrer Arbeit immer wieder in Frage, was es bedeutet, eine Frau zu sein und zeigt durchaus auch romantische Elemente in ihrer Kleidung. Ihre Prêt-a-Porter-Entwürfe sind der Kunst häufig näher als der Mode – vor ihr trauten sich dies nur sehr wenige. Im Interview mit der Zeitschrift The New Yorker sagte sie dazu nur: „Ich wollte niemals eine Revolution starten“, tat es damit aber doch. Mit dieser Einstellung inspirierte sie nicht zuletzt einige der einflussreichsten Modedesigner unserer Zeit. Martin Margiela zum Beispiel, Ann Demeulemeester, die fast ausschließlich in Schwarz entwirft und nicht zuletzt Österreichs Modeexport Nummer Eins, Helmut Lang, nannten Kawakubo bereits als Inspirationsquelle. Marc Jacobs trägt bis heute mit Vorliebe ihre Röcke für Männer. Sie inspiriert aber nicht nur, sondern unterstützt vielversprechende Nachwuchsdesigner auch aktiv beim Karrierestart. Wie zum Beispiel die von ihrem ehemaligen Mitarbeiter Junya Watanabe, der heute bereits ein Fixstern am Modehimmel ist.

 

Leidenschaft und Geschäftssinn

Bekennende CDG-Fans wurden dank ihren weiten, ausschließlich schwarzen Outfits von der Presse mehr oder weniger liebevoll „die Krähen“ genannt, und ihre avantgardistische Herangehensweise wurde schon bald als die Uniform Intellektueller verschriehen. Dabei war genau das Gegenteil Kawakubos großes Anliegen. Dem Interview Magazine erzählte sie einst: „Für mich gibt es keine rein intellektuelle Herangehensweise. Sie ist viel simpler als das. Alles was ich erschaffe, soll einfach nur meinen eigenen Anspruch an Schönheit und Stärke genügen. Und das ist das fertige Kleidungsstück für mich dann auch. Wie es für die Anderen aussieht, müssen sie selbst entscheiden.“ Und „die Anderen“ finden Gefallen an jeder weiteren Kollektion, denn seit den Anfängen der Marke wuchs sie auf über 20 Sub-Marken. Comme des Garçons macht einen geschätzten Umsatz von über 220 Millionen Dollar pro Jahr und das obwohl – oder gerade weil? – die Frau dahinter immer nur auf ihre eigene Intuition hörte, ob in kreativen oder kommerziellen Belangen.

 

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Rei Kawakubo Art of the In-Between
© The Metropolitan Museum of Art

Man könnte es also als paradox bezeichnen, dass diese durch fast untragbare Kleidung berühmt gewordene Marke eine kommerziell durch und durch erfolgreiche und wachsende ist. In den Stores ist das, was auf den Runways zu sehen ist allerdings so gut wie nie zu finden. Derartige Entwürfe sind natürlich nicht gerade das, was die breite Masse gerne im Kleiderschrank hängen hat. Deswegen führte man auch die aus Basics bestehende Linie „Play“ ein, die durch ihr Logo ebenfalls einen hohen Wiedererkennungswert hat. Das Herz mit Augen wurde vom polnischen Künstler Filip Pagowski entworfen, der dafür nach eigener Aussage nur einen einzigen Versuch benötigte.

 

Ein ewiger Mythos

Rei Kawakubos Kollektionen sind oft schwer zu verstehen und manches Konzept erfordert eine sehr intensive Auseinandersetzung mit den Themen, die sie bearbeitet. Manchmal strahlen sie auch eine gewissen Art Komik aus (die Japanerin besitzt angeblich einen äußerst trockenen Sinn für Humor). Gerade deswegen, und wahrscheinlich auch wegen der daraus resultierenden Kontroversität, sind sie bis heute ein Spektakel geblieben, das provoziert und berührt. Kein Entwurf aus ihrer Hand lässt kalt. Nie würde Kawakubo auf die Idee kommen, sich selbst am Ende der Show dem Publikum zu präsentieren und auch Porträts von ihr sind sehr rar. Ihr Einfluss hat die Art, wie wir Mode betrachten, tragen und kaufen, für immer verändert. Und jetzt, mit 74 Jahren, ist sie immer noch der Kopf einer Marke, die sich zu einem weltweiten Konzern entwickelt hat. Doch sie wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass dies ihre letzte Kollektion gewesen sein könnte. Vielleicht trägt ja auch dies dazu bei, dass jede ihrer Shows mit einer gewissen Ehrfurcht betrachtet wird. Durch das Met Museum bekommt Kawakubo nun ihren verdienten Ritterschlag.

 

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Die Ausstellung „Rei Kawakubo/ Comme des Garçons: Art of the In-Between“ ist noch bis 4. September 2017 im Met Museum New York zu sehen.

www.metmuseum.org

Ein Spaziergang am Montmartre

Etwas, was ich ganz besonders an Städten liebe, sind diese Stadtteile, die unverhofft auftauchen und in denen man sich fühlt als wäre man plötzlich ganz woanders. Fast wie kleine Dörfer inmitten von riesigen Metropolen, die das Stadtbild prägen, ohne sich daran anzupassen. Ich mag solche kleinen Zeitreisen. Deshalb gehört auch das Gebiet um den Montmartre für mich zu den sehenswertesten Teilen der französischen Hauptstadt. Sofern man bei all der Schönheit überhaupt eine Rangliste erstellen kann. Wenn sich über Paris der Nebel legt, scheint am Montmartre die Sonne und mancher Einwohner schwört, dass man hier oben erst richtig aufatmen kann. Natürlich und allen voran ist es das Künstlerviertel schlechthin. Toulouse-Lautrec malte hier seine berühmten Plakate für’s Moulin Rouge, das ganz in der Nähe ist. Van Gogh und Matisse schwangen hier die Farbpaletten. Pablo Picasso tat hier die ersten Pinselstriche in dem Stil, der damals die Pariser High Society empört aufschnauben ließ und der heute als Kubismus bekannt ist. Horden von Touristen (viele davon keuchend und nach Luft ringend) zieht es den Berg hinauf zur Place du Tertre, wo sie das zu finden glauben, wofür dieser Hügel einst berühmt wurde. Staffeleien, Pinsel, mit Farbflecken bekleckerte junge Künstler die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Stattdessen findet man gerade an diesem Ort leider nur noch einen Porträtzeichner nach dem anderen, hunderte lieblose Replikate, viel zu viele Touristenfallen mit schlechtem Essen und tausende Souvenirs, die mit den Werken der großen Maler von einst bedruckt sind. Statt charmanter Bohème gibt es hier nur billigen Kitsch.

Das gilt allerdings nur für einige Gässchen, die Richtung von Sacré-Coer führen. Verlässt man die Pfade, die zur vorderen Postkarten-Ansicht der weißen Kirche führen und schlendert durch die Gassen dahinter, so taucht man in eine völlig andere Welt ein und sieht Paris so, wie es eigentlich sein sollte. Verschlungene Straßen, unebenes Kopfsteinpflaster, das ein oder andere holzvertäfelte Bistro, das windschief aus dem Hügel ragt. Hier erfüllt die Stadt ihre eigenen Klischees auf eine wunderbar unaufdringliche Weise.

 

 

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Jeder Reiseführer drängt seinen Lesern denselben Weg hierher auf: Aussteigen bei der Metro-Station Anvers und dann rauf über die Rue de Steinkerque – ein Hürdenlauf durch geschmacklose „I ❤ Paris“-Pullover, Kühlschrankmagneten und leuchtenden Eiffeltürmen. Natürlich bietet sich dann ein wunderschöner Blick auf Sacré-Coer samt dem Karussell, das man aus dem Film „Die Fabelhaften Welt der Amélie“ kennt. Mich sieht dieser Ort aber nie wieder. Viel zu vollgestopft mit Kitsch und aufdringlichen Straßenverkäufern, die auch schon mal handgreiflich werden, beim Versuch einem Armbänder anzudrehen. Auch der vielbeworbene  Funiculaire, der bis zu 2000 Menschen in der Stunde den Berg hochbringt ist alles andere als romantisch. Tausendfach schöner ist folgender Weg:

Nehmt die Station Abbesses (die zugleich auch einen wunderschön bemalten Aufgang hat) und schlendert in Richtung Rue Ravignan. An deren Ende findet ihr eine köstliche Pâtisserie (die von Gilles Marchal) und eine Menge sehenswerter Ausblicke. Etwas steiler bergauf geht es dann zu einem meiner Lieblingsplätze, dem Place Émile-Goudeau. Hier kann man herrlich auf einer Bank verweilen, den Blättern beim Rascheln zuhören und sich an einem der schönen Trinkwasserbrunnen stärken. Wer will kann sich hierzu die Hintergrundgeschichte durchlesen, die wirklich interessant ist.

Weiter rauf geht es dann immer den braunen Wegweisern nach, vorbei an versteckten Gärten und den typischen Steinstiegen, gesäumt von Laternen.

 

 

Wer die Gegend rund um die beeindruckende weiße Kirche erkundet und den Ausblick auf die Stadt trotz Menschenmassen genossen hat, der tritt den Heimweg am besten über die Rue des Abbesses an. Denn dort findet man eine so große Anzahl an netten Boutiquen, Modeketten und stylischen Bistros, dass mir damals das Wasser in die Augen trat. Man sollte hier eben weder satt noch pleite vorbeikommen (nicht so wie ich also). Über die Rue Lepic, die diese Straße kreuzt (einfach immer bergab gehen) gelangt man dann zur Metro-Station Blanche und sieht so ganz nebenbei auch noch das Moulin Rouge. Womit sich dieser Beitrag auch schon dem Ende neigt. Jetzt bleibt nur noch sich durch die Urlaubsfotos zu klicken und sich wieder zurück zu träumen – in der Hand ein duftendes Pain au Chocolat, im Herzen dieses frisch-verliebt-Gefühl, das diese einzigartige Stadt ausmacht.

 

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Georgia O’Keeffe – Jimson Weed/White Flower No. 1

Pioniergeist: Die Kunst von Georgia O’Keeffe

Role Model als unabhängige, emanzipierte Künstlerin, Vorkämpferin für die Rechte von Frauen, Ikone: Prädikate, die die Künstlerin Georgia O’Keeffe Zeit ihres Lebens aufgestempelt bekam. Klingt doch eigentlich sehr positiv, oder? Die Künstlerin selbst sah das ganz anders und das aus ziemlich nachvollziehbaren Gründen. Eines war sie aber in jedem Fall, sie war DIE Pionierin der amerikanischen Moderne.

 

Myron Wood – Portrait of Georgia O’Keeffe with sculpture and painting, 1980. @Pikes Peak Library District, 002-9152
Myron Wood – Portrait of Georgia O’Keeffe with sculpture and painting, 1980. (c) Pikes Peak Library District, 002-9152

Georgia O’Keeffe (1887–1986) zählt neben Frida Kahlo bis heute zu den wohl berühmtesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke sind auf die wichtigsten US-Museen und Sammlungen verteilt und gelten dort als Besuchermagnete. Und trotzdem: ihre Werke in Europa zu sehen ist eine wirklich rare Gelegenheit – in Österreich zum Beispiel war sie bislang sogar noch nie ausgestellt. Gründe genug, die O’Keeffee Ausstellung im Kunstforum Wien noch schnell einen Besuch abzustatten. Nur noch bis 26. März, also nur noch diese Woche sind die raren Gemälde im Ausstellungshaus auf der Wiener Freyung zu sehen.

Das Bank Austria Kunstforum Wien zeigt dabei die bisher größte O’Keeffe-Ausstellungstour außerhalb der Vereinigten Staaten. Mit der Präsentation von 85 Werken, 60 Fotografien und insgesamt 50 Leihgebern bietet die Ausstellung auch gleich die beste Möglichkeit, ihr malerisches Werk vollständig kennenzulernen. Unter den ausgestellten Werken befindet sich auch „Jimson Weed/White Flower No. 1“ (1932), das mit  41,84 Millionen Euro teuerste Bild, das jemals von einer Künstlerin versteigert wurde. Man glaube mir, mit diesem Vorwissen, sieht man dieses Bild gleich mit anderen (ein bisschen ehrfürchtigeren) Augen. Noch dazu ist es wunderschön und strahlt eine gewisse Heiterkeit aus, wenn man davor steht. Vermutlich konnte ich deshalb auch nicht wiederstehen und mir im Museumshop gleich den Kunstdruck davon gekauft.

 

 

Aber jetzt erst mal zur Frau hinter den Gemälden.

Georgia O’Keeffe, die 1887 auf einer Farm in Wisconsin geboren wurde und 1986 im Alter von 98 Jahren zurückgezogen in New Mexico starb, erlebte ihr künstlerisches Debüt in New York, wo sie erstmals 1916, also vor hundert Jahren, in der Galerie 291 ausstellte. Dieses damals wichtigste Forum der europäischen Avantgarde wurde von dem Fotografen Alfred Stieglitz geleitet, der später auch ihr Ehemann werden sollte.

 

Georgia O’Keeffe – Black Mesa Landscape, New Mexico / Out Back of Mari’s II, 1930. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht Wien
Georgia O’Keeffe – Black Mesa Landscape, New Mexico / Out Back of Mari’s II, 1930. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht Wien
Georgia O’Keeffe – Oriental Poppies, 1927. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Georgia O’Keeffe – Oriental Poppies, 1927. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien

Im Umfeld des von Männern dominierten Sozialen Umfeld ihres Mannes beteiligte sich O’Keeffe als eine der ersten Künstlerinnen aktiv an der Begründung der amerikanischen Moderne und wirkte als solche wegweisend für nachfolgende Generationen an Künstlerinnen und Künstlern. Außerdem machte sie sich als Mitglied der National Women’s Party für die Rechte von Frauen stark. Erneut ein mutiger Schritt und ein Beweis für großen Mut. Denn in der damaligen Zeit, in der die Schriften von Sigmund Freud sehr populär waren, war auch ihr Ehemann überzeugt davon, dass „die Frau die Kraft ihrer Kunst aus dem Schoß bezieht“. Tja.. Natürlich unterstützte und bewarb er die Kunst seiner talentierten Frau, die Beiden führten schließlich eine sehr glückliche Beziehung. O’Keeffes Werk wurde somit aber zum Inbegriff des „Weiblichen“ abgestempelt. Ein Prädikat, das natürlich nichts negativen an sich hat, der Künstlerin jedoch ziemlich gegen den Strich ging. Sie wollte nicht einer eigenen Kategorie angehören sondern sich stattdessen unter den anderen Künstlern durchsetzen und strebte daher lieber Gleichberechtigung an. Auch Stieglitz’ erotische Aktfotografien von O’Keeffe bewirkten ähnliches: sie machten die Künstlerin zur Ikone der Roaring 20s und gaben ihr noch mehr Auftrieb. Man könnte jetzt denken: Sex sells. Wenn man die Fotografien aber betrachtet, fällt schnell auf, dass diese von Stärke, Würde und Selbstsicherheit nur so strotzen. Sie verwehrte sich fortan ein Leben lang gegen die sexualisierte Gesellschaft, die ihre Kunst oft und gerne als „weibliche“ Kunst einstuften.  Auch ihrer Rolle als Galionsfigur der feministischen Kunst in den 70er Jahren war sie nicht ganz zugetan.

Men put me down as the best woman painter… I think I’m one of the best painters.“

 

 

O’Keeffes monumentale, die Pop Art ankündigenden Blumenbilder der 1920er- und 1930er-Jahre zählen zu den populärsten Werken ihres Œuvres. Mit ihren Knochendarstellungen in der Wüste des amerikanischen Südwestens, die Nahblick und Fernsicht, Monumentalität und Intimität verbinden, lieferte O’Keeffe ab den 1930er-Jahren schließlich nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Stilllebenmalerei, sondern auch zur Begründung einer amerikanischen, landschaftsbasierten Ikonografie überhaupt.

 

„I found I could say things with color and shapes that I couldn’t say any other way.. things I had no words for.“

 

Georgia O’Keeffe – From the Faraway, Nearby, 1937. The Metropolitan Museum of Art, New York © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Georgia O’Keeffe – From the Faraway, Nearby, 1937. The Metropolitan Museum of Art, New York © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien

 

Angeboten werden bis zum 26. März auch noch Specialführungen, u.a. zum Thema „Frauenkunst? Georgia O‘Keeffe als Ikone feministischer Künstlerinnen“. Infos findet ihr unter kunstforumwien.at.

Bücher, die mich 2016 bewegt haben

Robert Seethaler – ein ganzes Leben

Ein Buch, das so leise erzählt und gleichzeitig gewaltige Bilder im Kopf entstehen lässt. Es erzählt die Lebensgeschichte von Andreas Egger, der charakterlich dem einsamen Almöhi aus Heidi sehr nahe kommt. Ein Einzelgänger, der tiefer fühlt als er selbst überhaupt zu verstehen vermag. Anfangs wirkt er wie eine ziemlich farblose, in sich verschlossene Figur, die zwischen den großartig beschriebenen Bergpanoramen fast unterzugehen droht. Aber nach und nach wird klar, wie er so wurde. Warum er der einsilbige, recht einfach gestrickte Einsiedler ist, der sich mit harter Arbeit und bescheidenen Ansprüchen durch seine Lebensjahre wurstelt. Er findet sogar die Liebe, die ganz neue, ungeahnte Seiten an ihm zum Vorschein bringt. Doch auch wie im richtigen Leben läuft in dem wunderschön erzählten Roman nicht alles nach Plan und auch ein märchenhaftes Happy End gibt es hier nicht. Nicht im üblichen Sinne zumindest. Zum Glück, denn auch ohne Kitsch und Klischee ist diese Geschichte perfekt. Auf eine melancholische Weise macht sie verständlicher, warum Menschen so sind wie sie sind. Dieser Roman wurde auch zum Auftakt meiner Liebe zu Robert Seethalers Büchern. Zwei weitere (Die weiteren Aussichten und Der Trafikant) haben es ebenfalls auf meine Liste von Lieblingsbüchern geschafft.

 

Joachim Meyerhoff – Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Den Erstlingsroman von Joachim Meyerhoff Alle Toten fliegen hoch habe ich vor ein paar Jahren aus einem Impuls heraus gekauft und gleich danach verschlungen. Ich liebe seine Erzählweise, in der man wie ich finde sofort erkennt, dass er hauptberuflich Theaterschauspieler ist. Auch hier erzählt er zum Teil autobiografisch von seiner Kindheit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort hat er allerdings nur gewohnt, denn sein Vater war der Direktor der Anstalt. Trotz allen Irren um ihn herum wuchs der Autor allen Anschein nach wirklich glücklich und behütet auf – Kaum nachzuvollziehen wenn man manche Stellen des Romans liest, der absolut kein verstörendes Detail auslässt. Wie sein Vorgänger ist auch dieses Buch ein Wechselspiel von wahnsinnig (das Wort schien mir hier passend) lustigen und zutiefst traurigen Stellen.
Welche Schilderungen hier tatsächlich passiert sind und welche der kreativen Freiheit zuzuschreiben sind, bleibt allerdings ein Geheimnis. Ist ja schließlich auch egal, denn der Roman entführt so und so in eine ganz fremde Welt. Eine in der man im Leben nichts anderes will als einen Hund zu streicheln, vor dem man gleichzeitig panische Angst hat, Zigaretten die kostbarste Währung von allen sind und man Probleme lösen muss wie einen Irren, der dir mit zwei riesigen Glocken nachläuft. Ich freue mich jetzt schon darauf den dritten Teil der Reihe zu lesen!

 

John Green – Paper Towns

John Green. Ich glaube, jeder Roman von ihm ist es wert dreimal gelesen zu werden. Auch Paper Towns, oder Margos Spuren wie es in der deutschen Version heißt, habe ich in 3 Tagen durchgelesen und dabei kaum aus der Hand gelegt. Es geht um den etwas nerdigen aber ziemlich sympathischen Q, in dessen Leben ganz plötzlich wieder seine geheime Kindergartenliebe Margo – wortwörtlich – durchs Fenster schneit. Auf einen ziemlich ereignisreichen nächtlichen Rachefeldzug (Margo hat einige Rechnungen zu begleichen), bei dem man sich als Leser gleichermaßen in Margos Verrücktheit und in Qs Ängstlichkeit verliebt, folgt der nächste Tag an der High School. Ohne Margo, denn die ist plötzlich verschwunden, vielleicht sogar für immer. Aber nicht ohne ausgeklügelte Spuren zu hinterlassen, mit Hinweisen darauf wie man sie finden kann. Ob sie nun gefunden werden will oder nicht bleibt anfangs unklar, dennoch machen sich Q und seine nicht minder schrägen Freunde auf die Suche.
Das perfekte Buch für den Alltag: witzige Dialoge, schön ausgemalte Szenarien, unglaublich sympatische Charaktere und ein großes Rätsel. Die Verfilmung war umso enttäuschender, obwohl die Besetzung mit Cara Delevingne als Margo sehr passend ausgefallen ist. Das Ende wurde allerdings komplett verändert und zerstörte für mich in der Filmversion die ganze Moral des Buchs. Die ist für mich nämlich, dass man in keinen Menschen hinein sehen kann. Man darf äußeren Schein nicht mit all dem verwechseln, was in einem Menschen vorgeht. Und vor allem darf man niemanden idealisieren, denn das beginnt sich – wie eben bei Margo – irgendwann zu verselbstständigen und man zerbricht daran. In einer Stelle im Buch spielen die Freunde ein Spiel im Auto. Dabei sieht man sich die Insassen von Autos an, die gerade an einem vorbeifahren und erfindet deren Lebensgeschichte.

„It is easy to forget how full the world is of people, full to bursting, and each of them imaginable and consistently misimagined. I feel like this is an important idea. [..] I am thinking about the way you can and cannot see people, about the tinted windows between me and this woman who is still driving right beside us. both of us in cars with all these windows and mirrors everywhere, as she crawls along with us on this packed highway.“

Und ich finde, genauso ist es auch im wahren Leben. Nicht nur bei Fremden sondern auch bei Freunden, dem Partner oder den Eltern. Man beginnt sie zu idealisieren, interpretiert Dinge in ihre Taten, die man sich selbst für sie wünscht, die aber nichts mit der realen Person zu tun haben. Denn jeder macht Fehler und jeder von uns will Fehler machen dürfen, ohne die Erwartungen von jemandem dabei zu zerstören. Wenn man das kapiert hat, ist dieses Buch eine Wohltat für die Seele – wortgewandt, spannend und witzig ist es sowieso.

 

Matthew Quick – Flugstunden

Auch wenn ihr noch nie etwas von Matthew Quick gelesen habt, eines seiner Werke kennt ihr ganz bestimmt. Sein Buch The Silver Linings Playbook wurde nämlich bereits verfilmt und brachte Jennifer Lawrence ihren ersten Oscar. Ein großartiger Film und so ist auch der Roman. Auch dieser hier ist eine tolle Mischung aus Komik, schwarzem Humor und ernsthaftem Hintergrund. Ich finde der beste Teil des gesamten Buchs ist der Beginn der Geschichte. Man taucht nämlich gleich direkt ein und findet sich neben Portia Kane wieder, die gerade im Wandschrank ihres Noch-Ehemannes, dem Pornokönig, sitzt. In der einen Hand eine 2000 Dollar teure Flasche Cognac, in der anderen die geladene Pistole. Mit der will sie den Untreuen, der natürlich gerade mit einer seiner neuen Darstellerinnen die Stufen raufgetorkelt kommt, beseitigen. So viel sei verraten, wir haben es hier nicht mit einer Mörderin zu tun, deshalb gibt sie dem schmierigen Exmann nur einen Denkzettel (und der ist absolut herrlich) und flüchtet erst mal zu Mama, die in der tiefsten Provinz wohnt und blöderweise ein ziemlich verwirrter Messie ist. Natürlich ist davor auch noch ein unterhaltsamer Nervenzusammenbruch im Flugzeug drinnen. Der bringt sie allerdings mit einer Nonne zusammen – eine Begegnung, die ihr ganzes Leben verändern wird. Und so abgedreht das alles jetzt klingt – so abgedreht ist es auch. Es ist ein ständiges Auf-und-Ab zwischen nachdenklichen Momenten und großartiger Situationskomik. Wie bei Silver Linings werden auch hier Themen wie psychische Erkrankungen und Verlustängste behandelt. Es nimmt zwar manches mit Humor, beschönigt aber nichts. Deshalb würde ich es auch nicht unbedingt als Gute-Laune-Buch bezeichnen. Es ist eher die Geschichte von Menschen, die an einem gewissen Punkt im Leben glaubten alles zu haben und es dann plötzlich in sich zusammenfällt. Auf diese Weise treffen sich die Wege mehrerer Personen, die sich bei der Bewältigung ihrer Schicksalsschläge auf magische Weise gegenseitig helfen. Denn auch wenn wir alle sehr verschieden auf solche Katastrophen im Leben reagieren, mit etwas Unterstützung sind sie viel leichter zu verarbeiten. Das merken auch die Protagonisten am Ende dieses Buches, wenn sich alles zu einem großen Kreis zu schließen beginnt. Ich hoffe hier ebenfalls auf eine baldige Verfilmung!

 

 

 

 

 

(Credits: Picture by the-bookshelf.com)

Winterlicher Kurztrip: Stockholm für kleines Budget

Stockholm ist eine Stadt, von der ich schon immer wusste, dass ich sie lieben würde – ohne schon einmal dort gewesen zu sein. Die Mentalität, die Architektur, das Design, alles scheint so sympathisch und ansprechend. Und als ich dann genau vor einem Jahr endlich dort war, wurde ich nicht enttäuscht. Stockholm ist mir ans Herz gewachsen. Und das obwohl ich gerade einmal reingeschnuppert habe in diese vielfältige Stadt, die in jeder Jahreszeit so viel zu bieten hat.

So ganz nebenbei war dieser spontane Kurztrip auch die günstigste Städtereise aller Zeiten. Denn vor allem zum Jahresbeginn gibt es unglaublich günstige Angebote. Klar, denn zu dieser Zeit ist es leider auch bitterkalt. Bei durchschnittlich – 13 Grad musste man sich schon regelmäßig  aufwärmen um den Sightseeing-Tag zu überstehen. Was bei der Fülle an netten Cafés, tollen Shops und heimeligen Restaurants aber keine große Überwindung war. Auf Plattformen wie Urlaubsguru oder Urlaubshamster werden immer wieder Pauschalangebote für einen 3-Tages-Kurztrip angeboten und das bereits ab 198 €. In so kurzer Zeit bekommt man natürlich nur einen begrenzten Überblick über die Stadt und man muss sich bereits im Vorhinein überlegen, was man wann unternimmt. Deshalb gibt es hier ein paar Tipps, die ich für den frostigen Kurzurlaub nur wärmstens empfehlen kann:

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Tipp 1 – die beste Aussicht

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Außen Bäh, innen Bäh, aber die Aussicht ist atemberaubend! Der Turm Kaknästornet ist eigentlich ein Fernsehturm und liegt im Stadtteil Djursgarden (wo auch die meisten Museen zu finden sind). Schreckliche Architektur, die zurecht ein bisschen außerhalb der schönen Stadt liegt – die Busfahrt (mit der Nummer 69, Richtung Kaknästornet, dessen Route sich übrigens super für’s Sightseeing eignet) dorthin ist allerdings wunderschön, vor allem im verschneiten Winter. Man fährt gemächlich an pittoresken Bauten und den wichtigsten Museen vorbei, um dann verschneite Wäldchen und weite Wiesen zu passieren. Man sieht Pferde, die durch den glitzernden Schnee stapfen, Familien, die sich einen freien Vormittag gönnen um mit dem Hund die frische Luft zu genießen. Es war wunderbar.

Beim Turm angekommen, kann man dann gegen ein paar Euro Aufpreis 155m nach oben fahren. Trotz Windstille und Sonne war die Luft dort beißend kalt aber durch den Ausblick gefesselt, schafft man es eine Zeit zu verweilen. Stockholm verschneit, die Häfen zugefroren und spiegelglatt – das ist den kleinen Ausflug definitiv wert.

Tipp 2 – die Altstadt erkunden

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Gamla Stan nennt sich die Altstadt Stockholms, die eigentlich eine kleine Halbinsel eingebettet in den vielen Stadtteilen ist. Sie ist genau so, wie ich mir die Stadt von Anfang an vorgestellt habe: Schöne alte Häuschen, verschlungene Gassen, kleine Lokale und romantische Ecken. Leider gibt es gerade hier viele Touristenfallen, die kitschige Souvenirs anbieten. An denen sollte man einfach vorbeigehen und dafür in eines der vielen lauschigen Lokale einkehren. Auch ein „Fika“, eine kurze Kaffeepause mit Plundergebäck, ist immer eine Überlegung wert, zumal es sowieso an jeder Ecke nach heißem Kakao und Zimtschnecken duftet. Ein ausgiebiger aber zielloser Streifzug ist wirklich empfehlenswert. In der ersten Januar-Woche schimmern die Gassen auch noch weihnachtlich beleuchtet und vor vielen Häusern lodern wärmende Feuerstellen.

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Tipp 3 – eine Bootstour machen

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Wer eine Tages- bzw. 3-Tages-Karte für die öffentlichen Verkehrsmittel der Stadt besitzt, sollte auch die Fähre nutzen. Bei Minusgraden ist die schneidende Meeresluft schon eine Härteprüfung. Der Abendhimmel, der in allen Pastellnuancen leuchtet, ist das Zittern aber wert. Mit der „Djurgårdsfärjan“ von Slussen nach Djurgården  bekommt man einen tollen Ausblick auf die Altstadt, die kleine Insel Skeppsholmen und den  Vergnügungspark Gröna Lund, der im Winter geschlossen, aber trotzdem eine Augenweide ist. Wie gut kann ich mir hier lange Sommernächte mit Eiscreme, Zuckerwatte und Achterbahnfahrten vorstellen.

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Tipp 4 – ins Museum gehen

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Für ihre überschaubare Größe besitzt die Stadt eine erstaunliche Fülle an Museen. Egal ob für zeitgenössische Fotografie (angeblich sehr empfehlenswert!), Tanz, Spirituosen und natürlich das ABBA Museum. Einen ganzen Vormittag habe ich aber im Nordiska Museet, dem Nordischen Museum verbracht. Ein wunderschönes Gebäude. Es zeigt Kunstwerke, Möbel, Mode und eigentlich alles rund um die skandinavische Kultur. Besonders schön: Es erklärt Bräuche und Traditionen, von denen einige sehr interessant und manche äußerst skurril sind. Auf jeden Fall viel Zeit dafür nehmen!

Tipp 5 – Der beste Burger

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Ich scheue mich nicht davor mich einen Experten zu nennen, wenn es ums Thema Burger geht. In jedem Urlaub, und sei er auch noch so kurz, steht ein Besuch im best-bewerteten Burgerlokal der Stadt am Plan. Und auf Platz Nummer eins rangiert bis heute Flippin‘ Burgers. Das kleine Lokal ist gut besucht aber sogar die 20 Minuten Schlangestehen hat sich gelohnt, also lasst euch nicht davon abschrecken. Alle Zutaten sind regional und werden mit ganz viel Liebe zubereitet. Das merkt man spätestens wenn man den Burger bekommt. Unser Flippin‘ kam nach ca. 25 Minuten – Hier lässt man sich nicht hetzen, ein Kunstwerk braucht eben seine Zeit. Mit andächtiger Miene brachte uns einer der Ladenbesitzer (gleichzeitig einer der Hipster-mäßigsten Hipster die ich je sah) persönlich zwei mit Papier ausgelegte Körbchen, serviert mit solcher Ehrfurcht als hätte er uns eben den heiligen Grahl überreicht. Und dem kam auch der erste Bissen in dieses göttliche Brötchen gleich, das wohlgemerkt nicht zu trocken, nicht zu viel und nicht zu wenig war.  Und wenn man schon mal dort ist, sollte man dazu auch gleich die mit Cheddar-Soße übergossenen Fritten probieren.

Tipp 6 – das Hotel

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Wenn man realistisch ist, durfte man für diesen kleinen Preis keine Luxussuite erwarten. Allerdings wurde ich in diesem Fall positiv überrascht. Das Connect Hotel ist modern, sauber und liegt in einer guten Gegend nicht weit entfernt von der U-Bahn-Station. Unser Zimmer war anfangs allerdings eine kleine Überraschung. Insofern, dass ich mir beim ersten Schritt zur Tür herein gleich mal das Schienbein anstieß – am Bett. Das war zwar nicht großzügig bemessen, füllte aber trotzdem fast den ganzen Raum aus. Was anfangs ganz gut von der Tatsache ablenkte, dass es kein einziges Fenster gab. Aber was jetzt nach einem Horrortrip klingt, entpuppte sich als einer der lustigsten Hotelaufenthalte, den ich jemals hatte. Denn nach einem Tag in der – 13 Grad kalten Stadt sind eine heiße Dusche, ein warmes Bett und ein mitgebrachter Becher heißer Schokolade eigentlich alles was man zum Glücklichsein braucht.

 

Laut gedacht: über Prioritäten und die Tatsache, dass Reisen das beste Investment ist

„To move, to breathe, to fly, to float, to roam the roads of lands remote, to travel is to live.“
Hans Christian Andersen

 

Woran denkt ihr, wenn ihr das Wort Prioritäten hört? Ziemlich sicher tauchen Bilder der eigenen im Kopf auf und die werden bei jedem von uns sehr unterschiedlich aussehen. Schön wäre es, wenn Bilder von Menschen auftauchen würden. Die Großeltern, die man besucht, die Freundin, für die man auch in schwierigen Zeiten da ist oder auch der Hund, dem es egal ist, ob es stürmt oder schneit, wenn er Gassi gehen muss. Beim ein oder anderen taucht da auch der Job auf, für den man sich ins Zeug legt, was natürlich auch eine schöne Sache ist. Selbstverständlich werden auch viele materielle Dinge auftauchen wie Autos, ein Friseurbesuch oder die neueste Lidschatten-Pallette von Urban Decay. Wie gesagt, bei jedem zeigen sich hier ganz unterschiedliche Bilder. Aber vor allem beim Thema Geld lässt es sich oft und gerne darüber streiten, welche Prioritäten nun die richtigen sind. Der eine spart jeden Cent, den er verdient für später, der andere gibt ohne mit der Wimper zu zucken einen dreistelligen Betrag für ein paar Schuhe aus. Wieder andere geben den Großteil ihres Lohns für Essen im Gourmet Restaurant aus. Egal wie man es handhabt, Prioritäten sind einfach verschieden und man sollte niemanden für seine verurteilen, nur weil man selbst ganz anderer Meinung ist. Zumal sich auch die eigenen immer wieder verschieben.

 

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Als Kind war es nämlich ganz klar, wie ich mein erspartes Taschengeld auszugeben hatte – nämlich für Süßigkeiten und Fast Food. Gut, weniger für das Fast Food an sich sondern für die Spielsachen, die man zu so einem gutgelaunten Mahl geschenkt bekam. Als Teenager gab ich mein ganzes Geld für Kleidung und Styling aus. Zu der Zeit bestand die Welt auch nur aus meiner Clique und unseren Teenager-Dramen, wie es eben so ist mit 16. Mit Anfang zwanzig ging ein großer Teil meines Einkommens für Parties drauf. Wenn ich überlege, wie viel ich an einem durchfeierten Wochenende für Eintritte und Cocktails verschleudert habe, kommt erneute Katerstimmung auf. Aber war es das wert? Definitiv, ja. Auch wenn ich es heute nie wieder machen würde, war es durch den Spaß und die unvergesslichen Erinnerungen doch sehr gut angelegtes Geld.

 

„Twenty years from now you will be more disappointed by the things that you didn’t do, than by the ones you did. So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.“
Mark Twain

 

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Jetzt in meinen Mitt-Zwanzigern haben sich meine Prioritäten ganz klar auf’s Reisen verlegt. Warum auch nicht, denn genau jetzt, ist der richtige Zeitpunkt dafür. Ich habe keine Verpflichtungen außer den paar Zimmerpflanzen, die es mir vielleicht übelnehmen würden, wenn ich sie 3 Wochen lang im Stich lassen würde. Ein fertig eingerichtetes Nest, zu dem ich immer wieder gerne zurückkehre und einen Seelenverwandten, der diese Abenteuer mit mir erlebt. Und ein sicheres Einkommen, das aber leider nicht allzu hoch ist. Deshalb heißt es schon seit längerem: 3mal in der Woche auswärts essen ODER für die nächste Reise sparen. Mehrmals im Monat ins Kino ODER lieber ein Zugticket kaufen. Wieder mal Shoppen gehen ODER mir stattdessen ein paar Souvenirs aus dem Urlaub mitnehmen.

Vielleicht hört sich das gerade nicht gut an, aber das ist es. Ich muss mir nicht alles leisten können, um glücklich zu sein, ich muss darauf hinarbeiten. Ich muss für einige Dinge an etwas anderem sparen und auch das ist okay. Denn so vergisst man wenigstens nicht, dass es ein großes Privileg ist, sich überhaupt einen Urlaub leisten zu können. Es erfordert mehr Planung, um die besten Reiseschnäppchen zu finden, was ebenfalls Spaß machen kann. Und auch wenn manch einer sagen würde, dass man von einem neuen Auto, einer teuren Uhr oder anderen Konsumgütern viel mehr hat als von einer kleinen Reise in ein anderes Land, so ist es doch eines der wenigen Dinge im Leben, die dich danach reicher machen. An Eindrücken, an neuen Erkenntnissen und an neuen Erinnerungen, die dich ein Leben lang begleiten werden. Zu verstehen, wie unterschiedlich unsere Kulturen sind und andere Traditionen und Sitten kennenzulernen. Jede Reise bildet uns ein bisschen weiter und macht uns selbstbewusster.

Es sind eben Dinge, die weder Ablaufdatum haben noch kaputt gehen können. Es erscheint mir für mich selbst absurd, für eine Designerhandtasche zu sparen, wenn man sich um den selben Preis in ein Flugzeug setzen könnte, um ein neues Land kennenzulernen. Allerdings verstehe ich es, wenn andere es tun. Man sollte seine eigenen Richtlinien eben nie auf andere projizieren – die Hauptsache ist doch, dass man abends glücklich einschlafen kann. Da ist es doch völlig egal, was einem ein Lächeln auf die Lippen zaubert, oder?

 

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„Travel. It leaves you speechless, then turns you into a storyteller.“
Ibn Battuta

 

Ob es tatsächlich für immer so bleibt, wird sich zeigen. Denn wenn man darüber nachdenkt, ist auch die absolute Freiheit dieser Lebensphase vergänglich. Irgendwann werden meine Prioritäten nicht mehr schöne Hotelzimmer sondern das eigene Haus sein. Nicht mehr der spontane Kurztrip sondern meine Kinder. Vielleicht kommt es auch ganz anders, wer weiß das schon. Das einzig wichtige daran muss nur eines sein: Wenn ich mich daran zurück erinnere und mich frage, ob es das denn Wert gewesen ist, dann wäre es schön, mit JA antworten zu können.

 

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„I haven’t been everywhere, but it’s on my list.“
Susan Sontag

 

 

(Credit: all photos by THE BOOKSHELF)

Die Kunst der Provokation – die Welt von Hussein Chalayan

Ein Name, den ihr kennen solltet: Der Modedesigner und Konzeptkünstler HUSSEIN CHALAYAN arbeitet mit verwesendem Stoff, macht Möbel tragbar und lässt Kleider sich am Laufsteg wie von Zauberhand verwandeln. Wenn ihr seine einzigartigen Werke noch nicht kennt, dann wird es höchste Zeit! Ein genauerer Blick auf den Ausnahme-Künstler.

 

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Ein Model betritt den Laufsteg. Bis auf Sandalen ist sie völlig nackt. Nur ein kleines Stück Tuch bedeckt ihr Gesicht und macht sie trotz völliger Blöße anonym und eigenartig fremd. Der schwarze Stoff verlängert sich mit jedem weiteren Model, lange bleibt der Schambereich entblößt, während das Gesicht immer verdeckt bleibt. Am Schluss wird klar, dieser schwarze, die Identität-verhüllende Stoff stellt eine Burka dar. Eine Kollektion, die die Grenzen zwischen Fashion Show und Kunst Performance verschwimmen ließ und deren politisches Statement noch lange nachhallen sollte. Völlig entblößt und doch vollkommen anonym durch ein einziges Stück Stoff vor dem Gesicht. Bringen wir unsere Persönlichkeit mit Mode und Stil wirklich zum Ausdruck oder verstecken wir uns eher hinter ihr?
Hussein Chalayan, Designer mit komischem Namen, Unternehmer und Konzept-Künstler. Ein Liebhaber der schönen Künste, der die Themen auf den Laufsteg bringt, die die meisten Designer nicht mal mit Samthandschuhen anfassen würden. 1970 im türkischen Teil der Insel Zypern geboren, musste er sich den Traum, seine Kreativität ausleben zu dürfen hart erkämpfen. Ärzte oder Posten in der Wirtschaft, das sah man damals in Zypern als anständige, ehrenhafte Berufe. Irgendwann überzeugte er dennoch seine Eltern und studierte am renommierten Central Saint Martins College of Art and Design in London. Noch während seines Abschlussjahres erregte er mit seinen gewagten, sozialkritischen Entwürfen Aufsehen. Immer wiederkehrende Themen des Wahl-Londoners sind Fragen nach kultureller Identität, Entwurzelung und Migration, denn auch seine eigene Geschichte ist von verschiedenen Kulturen geprägt. Chalayan hält regelmäßig Vorlesungen über sein Werk und hatte Ausstellungen in internationalen Museen in London, Kyoto, Paris und New York. Seine Ideen beschäftigen sich nicht nur mit Mode, sondern auch mit Geschichte, Politik, Architektur und Kunst. Schon immer war seine Auffassung von Mode mehr Gaudí als Gucci, mehr Dali als Dior. Und das in einer Zeit, in der sich Modedesigner eher auf den sicheren Pfad begeben und der Verkauf der Produkte wichtiger ist, als der kreative Prozess. Das Konzept, welchem die meisten Labels folgen, heißt Gewinn, und dafür müssen die Entwürfe so kommerziell wie möglich sein. Ein Konzept, dem auch das Label Chalayan folgen muss, ihm aber nicht völlig unterliegt.
Von der ersten Kollektion, in der Seidenkleider gezeigt wurden, die davor begraben und exhumiert wurden, bis zur Herbst/Winter 2000 Kollektion „After Words“, die die Grenzen zwischen Vernissage und Modenschau verschwimmen ließ – seine Shows sind in Kritikerkreisen legendär. Auch wenn letztere bereits 15 Jahre zurück liegt, hat sie sich als Symbolbild seines Schaffens in die Köpfe der Modeaffinen gebrannt (und wurde bejubelt wie das große Finale eines Rockkonzerts):

In einer Art Wohnzimmer, das den Catwalk darstellte, begannen Models die Stoffe von Sofas und Sesseln abzuziehen und verwandelten diese in beeindruckende, durchaus tragbare Kleider. Der Rest der Möbel wurde zu Koffern zusammen geklappt und davon getragen. Für das Finale stieg eines der Models in das Loch in der Mitte eines Couchtisches, der bis dahin Zentrum einer Sitzecke auf dem Laufsteg gewesen war. Ganz langsam zog sie den Tisch in Richtung Hüfte, befestigte ihn und begann, auf und ab zu gehen. Aus einem unscheinbaren, hölzernen Tisch war ein Rock geworden. Thematisiert wurde damit die steigende Anzahl an Flüchtlingen und das Grauen, all sein Hab-und Gut – und so auch die Möbel – zurücklassen zu müssen. Eine Thematik, die heute für uns leider alltäglich ist, machte er damals schon zum Thema. Auch wenn man sich von so materiellem wie der Einrichtung trennen muss, trennt man sich automatisch auch von einem kleinen Teil seiner Selbst, kommentierte der Designer damals. So etwas hatte die Modewelt noch nicht gesehen, und der Schöpfer dieser erstaunlichen Verwandlung von Möbel- in Kleidungsstück war über Nacht das neue, zukunftsweisende Genie des Laufstegs. Ab diesem Zeitpunkt durften man sich sicher sein: das war nicht der letzte Hase, den er aus dem Hut zaubern würde.

 

Kleider, die sich mit einem Ruck an der richtigen Stelle plötzlich in Farbe und Form verwandeln, Hüte, die eigentlich gar keine sind und ethnische Konflikte, erzählt nur durch einen Entwurf. Ein Hauch von Magie umgibt seine Welt. Für „Ambimorphous“ präsentierte er traditionelle Tracht, an die seines eigenen Geburtslandes angelehnt. Nach und nach, begann ein dunkler Stoff die farbenfrohe Folklore, scheinbar aus der Mitte des Körpers ausgehend aufzufressen. Wie ein Parasit, der sich mehr und mehr ausbreitet und das Alte mit dem am Schluss gezeigten, modernen schwarzen Mantel, komplett ersetzt. Eine Studie kultureller Veränderung, gebannt in Stoff, die Fragen nach Identität, Geschichte und Heimat in den Raum stellt.



Da liegt natürlich eine Frage nicht allzu fern: Braucht man denn sowas? Die Antwort der meisten wäre wohl ein klares nein. Zumal dem Designer schon vom ein oder anderen Spießer vorgeworfen wurde, die meisten seiner Entwürfe wären nicht tragbar. Eine Antwort, die Mr Chalayan wohl egal wäre, denn für experimentier- faule sind seine Designs ja sowieso nicht gedacht. Wer weiß, vielleicht legt er es gerade darauf an, ein bisschen mehr Aktion, mehr Überraschung und mehr Staunen in das (Mode)Leben der breiten Masse zu bringen. Ein kleiner Revoluzzer, das war er ja schon immer.
Mit 45 Jahren kann Hussein Chalayan bereits auf unzählige Auszeichnungen zurückblicken, darunter auch die, für sein Lebenswerk. Gerechtfertigt, wenn man auf sein vielseitiges Schaffen zurückblickt. Mit seiner Arbeit will er nach eigener Aussage blinden Flecken eine Gestalt geben, dem Betrachter Dinge zeigen, die er zwar sieht, aber nicht wirklich wahrnimmt. Eine Haltung, die die Idee und die Message hinter der Kleidung in den Vordergrund stellt und sich nicht nur vom kommerziellen Gedanken leiten lässt. Mit Beginn des Wintersemesters 2014/15 übernahm er, der selbst bereits in allen Mode-Lehrbüchern der Welt zu finden ist, die Leitung der Modeklasse an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Man darf also in Zukunft auch vom österreichischen Modenachwuchs einiges erwarten, vielleicht sogar ein bisschen Magie.

 

 

(Credits: Youtube, Beitragsbild: Youtube-Screenshot)