Tamara de Lempicka

Kunstportrait: Das Bild, das mich verfolgte.

Es muss wohl vor mehr als zehn Jahren gewesen sein. Mit meinen Eltern machte ich einen Ausflug in die Hauptstadt Wien, die mir damals noch so riesig vorkam. Wir gingen ins Museum, spazierten über die Ringstraße und fuhren mit einer der alten Straßenbahnen, die ich heute noch immer sehr liebe. Ein Moment von damals hat sich mir besonders eingeprägt: Ruckelnd fuhren wir an wunderschönen Sehenswürdigkeiten wie dem Rathaus, dem Parlament und den Parks vorbei, entlang der Ringstraße, gesäumt von Bäumen und Litfaßsäulen. Plötzlich sah ich ein Gesicht an einer der Säulen. Es zeigte eine Frau mit kantigen Zügen, die Farben und Schatten wirkten so dramatisch, so gemalt und realistisch zugleich. Es war das Plakat einer Ausstellung, die gerade im Wiener Kunstforum gezeigt wurde, doch bevor ich den Namen des Künstlers ausmachen konnte, waren wir auch schon an der Säule vorbei und die geheimnissvolle Frau verschwand aus meinem Blickfeld. Damals hatte ich kaum Interesse an Kunst, bekam den kurzen Eindruck dieses Gemäldes aber tagelang nicht mehr aus dem Kopf. Nichtsdestotrotz, vergaß ich das Gesicht irgendwann – bis jetzt. Ein Jahrzehnt danach, fiel mir beim Stöbern durch den Buchladen ein Bildband in die Hände, das genau dieses Bild zeigte und ich erinnerte mich sofort an unsere erste Begegnung. Und nun klärte sich auch das Rätsel des fehlenden Künstlers, oder besser gesagt, der KünstlerIN. Es stammte nämlich von der Malerin Tamara De Lempicka, deren Lebensgeschichte mich ziemlich schnell faszinierte. Und das aus vielen Gründen, die es definitiv wert sind, heute geteilt zu werden:

Tamara war DIE Künstlerin der Pariser Gesellschaft der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Charakter der Künstlerin war allerdings nicht gerade von Eigenschaften wie Bescheidenheit oder Zurückhaltung geprägt, zumindest wenn man ihren Biografen glaubt. Als ich das erste Mal von ihr las, war sie mir deshalb nicht besonders sympathisch, das muss ich zugeben. Aber versetzt man sich in die damalige Zeit, war es vielleicht gerade ihr besonders starker Charakter, der ihr als Frau zum Erfolg verhalf. Denn wie wir bereits von Georgia O’Keeffe wissen, war die Kunstwelt – und eigentlich die Welt allgemein – von Männern dominiert.

 

 

Bereits als Kleinkind soll Tamara Lempicka sehr herrschsüchtig gewesen sein und beanspruchte alle Aufmerksamkeit für sich. Vielleicht lag das an ihrer Herkunft: 1898 wurde sie in Warschau in ein wohlhabendes Elternhaus hinein geboren. Ihre Mutter entstammte selbst einer privilegierten Familie, der Vater war Anwalt. Mit solch einem Familienstammbaum wurde man in der damaligen Zeit bereits in dem Glauben erzogen, etwas Besseres zu sein. Mit der Malerei kam sie bereits mit 12 Jahren in Kontakt, wieder unter ganz eigenwilligen Umständen: Eine Malerin sollte ein Portrait des Mädchens anfertigen – mit dem Endergebnis war sie aber alles andere als zufrieden und tönte,  sie könne es besser machen.  Ob das Portrait ihrer Schwester, das sie daraufhin malte nun wirklich besser war, wird ein Geheimnis bleiben. Leidenschaft und Talent durften aber bereits vorhanden gewesen sein. Als ihre Eltern sich trennten, beschloss Tamara aus Protest, bei ihrer Tante in Petersburg zu leben – ein luxuriöser und ausschweifender Lebensstil, den sie von da an nie mehr missen will. Mit 16 Jahren lernt sie den Anwalt (Hallo, Vaterkomplex!) Tadeusz de Lempicki kennen, den sie zwei Jahre später heiratet. Der Luxuslifestyle endet aber abrupt mit der russischen Oktoberrevolution 1918 und das glamouröse Paar flieht in die Modemetropole Paris. Sie bekamen eine Tochter namens Kizette und die Liebe zur Malerei lag bis dahin erst mal brach. Bis Tadeusz keine Arbeit mehr fand und Tamara gezwungen wurde, für den Unterhalt ihrer Familie allein zu sorgen. Aus der Not machte sie eine Tugend, nahm Malunterricht und kam mit den ersten Vertretern des Kubismus in Berührung, der damals noch alles andere als „salonfähig“ war.

 

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Sie wird schnell zur gefragten Künstlerin und eines der Aushängeschilder der Kunst im Europa der zwanziger und dreißiger Jahre. Vor allem ihre Bekanntheit in High Society Kreisen lässt sich wahrscheinlich nicht nur auf ihre malerischen Fähigkeiten zurückführen. Sondern auch auf ihre Entschlossenheit, jede Möglichkeit zu ergreifen, um bekannt und berühmt zu werden. Sie entscheidet sich daher bewusst für den Malstil Art-Deco, der damals der populärste war. Er ist prunkvoll, glamourös, mit viel Schwung und Gold. Auch ihre Modelle wählt sie gezielt aus und porträtiert vor allem die soziale Elite – die It-Girls und Influencer der damaligen Zeit quasi. Später widmet sich Tamara Frauen, die sowohl ihre Modelle als auch ihre Liebhaberinnen werden. Sehr gewagt für die damalige Zeit, aber in den Golden Twenties, als man mit dem Champagner-Konsum bereits beim Frühstück begann, ein Lifestyle der noch vertretbar war. Vor allem hatte sie eine Vorliebe für starke, emanzipierte Frauen, was sich auch auf ihre Kunst übertrug. Die Künstlerin vertauscht sehr oft weibliche und männliche Rollenmuster in ihren Bilder und zeigt Frauen z.B. nicht als Verführte sondern als Verführende. Für ihren Ehemann hat sich bald keinen Platz mehr in ihrem Leben, das sie inmitten der High Society führt. Man reißt sich darum, von ihr gemalt zu werden – eine Tatsache, die sie ausnutzt, um immer höhere Preise für ihre Porträts zu verlangen. Einen ersten Karriereknick gibt es aber, als sie einen ungarischen Baron heiratet und mit ihm im Alter von 41 Jahren in die USA emmigriert. Zwar hat sie weiterhin ihre Unabhängigkeit und kann sich bald die beliebteste Malerin Hollywoods nennen, doch ihre Kunst kann nicht mehr so ganz überzeugen. Als die Pop-Art (bunt, grafisch, meist gedruckt statt gemalt) über die USA schwappte, kann Tamara stilistisch nicht mehr mitkommen und gerät alsbald in Vergessenheit. Bis zu ihrem Lebensende stellt Tamara Lempicka ihre Kunst nirgends mehr aus, sie stirbt im Alter von 82 Jahren in Mexiko.

Erstaunlich, welche beeindruckenden Lebensgeschichten sich auf einer einfachen Litfaßsäule verbergen können, oder?

 

 

Die Bilder stammen aus dem großartigen Bildband DE LEMPICKA, erhältlich im TASCHEN-Verlag.

 

 

de Lempicka, Gilles Néret
Hardcover, 21 x 26 cm, 96 Seiten
ISBN 978-3-8365-3224-2

Georgia O’Keeffe – Jimson Weed/White Flower No. 1

Pioniergeist: Die Kunst von Georgia O’Keeffe

Role Model als unabhängige, emanzipierte Künstlerin, Vorkämpferin für die Rechte von Frauen, Ikone: Prädikate, die die Künstlerin Georgia O’Keeffe Zeit ihres Lebens aufgestempelt bekam. Klingt doch eigentlich sehr positiv, oder? Die Künstlerin selbst sah das ganz anders und das aus ziemlich nachvollziehbaren Gründen. Eines war sie aber in jedem Fall, sie war DIE Pionierin der amerikanischen Moderne.

 

Myron Wood – Portrait of Georgia O’Keeffe with sculpture and painting, 1980. @Pikes Peak Library District, 002-9152
Myron Wood – Portrait of Georgia O’Keeffe with sculpture and painting, 1980. (c) Pikes Peak Library District, 002-9152

Georgia O’Keeffe (1887–1986) zählt neben Frida Kahlo bis heute zu den wohl berühmtesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke sind auf die wichtigsten US-Museen und Sammlungen verteilt und gelten dort als Besuchermagnete. Und trotzdem: ihre Werke in Europa zu sehen ist eine wirklich rare Gelegenheit – in Österreich zum Beispiel war sie bislang sogar noch nie ausgestellt. Gründe genug, die O’Keeffee Ausstellung im Kunstforum Wien noch schnell einen Besuch abzustatten. Nur noch bis 26. März, also nur noch diese Woche sind die raren Gemälde im Ausstellungshaus auf der Wiener Freyung zu sehen.

Das Bank Austria Kunstforum Wien zeigt dabei die bisher größte O’Keeffe-Ausstellungstour außerhalb der Vereinigten Staaten. Mit der Präsentation von 85 Werken, 60 Fotografien und insgesamt 50 Leihgebern bietet die Ausstellung auch gleich die beste Möglichkeit, ihr malerisches Werk vollständig kennenzulernen. Unter den ausgestellten Werken befindet sich auch „Jimson Weed/White Flower No. 1“ (1932), das mit  41,84 Millionen Euro teuerste Bild, das jemals von einer Künstlerin versteigert wurde. Man glaube mir, mit diesem Vorwissen, sieht man dieses Bild gleich mit anderen (ein bisschen ehrfürchtigeren) Augen. Noch dazu ist es wunderschön und strahlt eine gewisse Heiterkeit aus, wenn man davor steht. Vermutlich konnte ich deshalb auch nicht wiederstehen und mir im Museumshop gleich den Kunstdruck davon gekauft.

 

 

Aber jetzt erst mal zur Frau hinter den Gemälden.

Georgia O’Keeffe, die 1887 auf einer Farm in Wisconsin geboren wurde und 1986 im Alter von 98 Jahren zurückgezogen in New Mexico starb, erlebte ihr künstlerisches Debüt in New York, wo sie erstmals 1916, also vor hundert Jahren, in der Galerie 291 ausstellte. Dieses damals wichtigste Forum der europäischen Avantgarde wurde von dem Fotografen Alfred Stieglitz geleitet, der später auch ihr Ehemann werden sollte.

 

Georgia O’Keeffe – Black Mesa Landscape, New Mexico / Out Back of Mari’s II, 1930. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht Wien
Georgia O’Keeffe – Black Mesa Landscape, New Mexico / Out Back of Mari’s II, 1930. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht Wien
Georgia O’Keeffe – Oriental Poppies, 1927. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Georgia O’Keeffe – Oriental Poppies, 1927. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien

Im Umfeld des von Männern dominierten Sozialen Umfeld ihres Mannes beteiligte sich O’Keeffe als eine der ersten Künstlerinnen aktiv an der Begründung der amerikanischen Moderne und wirkte als solche wegweisend für nachfolgende Generationen an Künstlerinnen und Künstlern. Außerdem machte sie sich als Mitglied der National Women’s Party für die Rechte von Frauen stark. Erneut ein mutiger Schritt und ein Beweis für großen Mut. Denn in der damaligen Zeit, in der die Schriften von Sigmund Freud sehr populär waren, war auch ihr Ehemann überzeugt davon, dass „die Frau die Kraft ihrer Kunst aus dem Schoß bezieht“. Tja.. Natürlich unterstützte und bewarb er die Kunst seiner talentierten Frau, die Beiden führten schließlich eine sehr glückliche Beziehung. O’Keeffes Werk wurde somit aber zum Inbegriff des „Weiblichen“ abgestempelt. Ein Prädikat, das natürlich nichts negativen an sich hat, der Künstlerin jedoch ziemlich gegen den Strich ging. Sie wollte nicht einer eigenen Kategorie angehören sondern sich stattdessen unter den anderen Künstlern durchsetzen und strebte daher lieber Gleichberechtigung an. Auch Stieglitz’ erotische Aktfotografien von O’Keeffe bewirkten ähnliches: sie machten die Künstlerin zur Ikone der Roaring 20s und gaben ihr noch mehr Auftrieb. Man könnte jetzt denken: Sex sells. Wenn man die Fotografien aber betrachtet, fällt schnell auf, dass diese von Stärke, Würde und Selbstsicherheit nur so strotzen. Sie verwehrte sich fortan ein Leben lang gegen die sexualisierte Gesellschaft, die ihre Kunst oft und gerne als „weibliche“ Kunst einstuften.  Auch ihrer Rolle als Galionsfigur der feministischen Kunst in den 70er Jahren war sie nicht ganz zugetan.

Men put me down as the best woman painter… I think I’m one of the best painters.“

 

 

O’Keeffes monumentale, die Pop Art ankündigenden Blumenbilder der 1920er- und 1930er-Jahre zählen zu den populärsten Werken ihres Œuvres. Mit ihren Knochendarstellungen in der Wüste des amerikanischen Südwestens, die Nahblick und Fernsicht, Monumentalität und Intimität verbinden, lieferte O’Keeffe ab den 1930er-Jahren schließlich nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Stilllebenmalerei, sondern auch zur Begründung einer amerikanischen, landschaftsbasierten Ikonografie überhaupt.

 

„I found I could say things with color and shapes that I couldn’t say any other way.. things I had no words for.“

 

Georgia O’Keeffe – From the Faraway, Nearby, 1937. The Metropolitan Museum of Art, New York © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Georgia O’Keeffe – From the Faraway, Nearby, 1937. The Metropolitan Museum of Art, New York © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien

 

Angeboten werden bis zum 26. März auch noch Specialführungen, u.a. zum Thema „Frauenkunst? Georgia O‘Keeffe als Ikone feministischer Künstlerinnen“. Infos findet ihr unter kunstforumwien.at.