Organic Cotton

Was der Kauf eines Organic Cotton T-Shirts wirklich bewirkt

Es war kurz vor meiner letzten Urlaubsreise, als es geschah. Etwas, von dem ich mir eigentlich geschworen habe, es nicht wieder zu tun. Ein übereilter Spontankauf. Ich habe mir eingebildet, dass ich das neue weiße T-Shirt für den Urlaub unbedingt „brauche“. Wobei das Wort „brauche“ bei einem Kleiderschrank, voll mit Alternativen zu eben diesem fehlenden T-Shirt eigentlich lächerlich ist. Aber eben keinem einfachen, gut-geschnittenen, unkomplizierten weißen T-Shirt. Und was macht man heutzutage, wenn man schnell mal ein Basic braucht, kein großes Budget und noch weniger Zeit zum Shoppen hat? Natürlich, man geht zu einer der vielen vielen Filialen eines wohlbekannten Fast Fashion Konzerns – und bricht dabei einen weiteren, selbst-auferlegten Schwur. Nämlich nie wieder, bzw. nur eingeschränkt solche ausbeuterischen Betriebe zu unterstützen. Natürlich fand ich sofort das gewünschte Modell und einen Preis, so billig, dass es mir gleich noch mehr weh tat. Voller Reue war ich schon dabei, es einfach gut sein zu lassen aber nur ein paar Meter weiter entdeckte ich dann das etwas teurere Pendant, das noch dazu aus viiiieeel umweltfreundlicherem Organic Cotton besteht und auch zur sogenannten Conscious Collection gehört. Die soll, nur nebenbei bemerkt, die schlechten Gewissen genau solcher faulen, geizigen und nicht weiterdenkenden Heuchlerinnen wie mich ein wenig beruhigen. Man sieht, ich tue bereits jetzt Buße… Lange Rede, kurzer Sinn: Ich habe dann das tolle Teil aus der supertollen biologischen Baumwolle gekauft. Um einen Preis, für den ich mir nicht mal eine ganze Pizza hätte leisten können.

Daheim angekommen, packte mich aber bereits die besagte Reue und ich begann (viel zu spät, das ist mir schon klar) über Organic Cotton zu recherchieren.

Die Aufschrift “organic” ist heutzutage bereits, das muss man sich eingestehen, ein sehr effektives Marketing-Instrument geworden. Egal ob bei Kleidung, Getränken oder Essen, Wörter wie organic, green, conscious oder bio wirken auf moderne, umweltbewusste Konsumenten wie ein Magnet – auch auf mich, wenn ich ehrlich bin. Man denkt, damit tut man sich und der Umwelt etwas Gutes, oder? Das ist leider nur halb-wahr. Vor allem wenn man eben dieses schlichte T-Shirt als Beispiel nimmt, das wir bestimmt alle zuhauf daheim im Kasten hängen haben. Die traurige Wahrheit ist nämlich, dass unser Shirt aus Organic Cotton höchstwahrscheinlich noch mehr Ressourcen bei seiner Herstellung verschwendet hat als sein Pendant aus konventioneller Baumwolle. Das hat viele Gründe, die man überall nachlesen kann:

Zum einen hat konventionelle Baumwolle einen viel höheren Ertrag. Heißt: aus einer einzelnen Pflanze kann mehr Garn produziert werden als aus einer “organischen” Pflanze. Das liegt daran, dass er davor genetisch so modifiziert wurde. Die Pflanzen, die Organic Cotton produzieren, sind noch natürlich und wurden wiederum nicht genetisch verändert, das ist eigentlich schon der Unterschied. Der Nachteil ergibt sich allerdings genau daraus: Da man aus den naturbelassenen Pflanzen nun mal weniger Stoff erzeugen kann, müssen auch mehr gepflanzt werden, um trotzdem hohe Erträge zu erzielen. Das wiederum bedeutet mehr Land, das dafür bestellt werden muss und auch mehr Wasser für die Pflanzen. Spätestens jetzt kommt einen das ziemlich logisch vor, oder? Aber wer jetzt denkt, dass diese Nachricht schon deprimierend war, wartet mal auf die genauen Zahlen:

Das Unternehmen Cotton Inc. hat gemessen, das für die Produktion eines stinknormalen Baumwoll-Shirts um die 1100 Liter Wasser verwendet wird. Die gleiche Menge an Organic Cotton benötigt sogar 2500 Liter. 2500 Liter Wasser sind mal eben so um ein paar Euro in meine Tasche gewandert, nur weil ich ein passendes T-Shirt zu meinem (und da kommt die große Ironie) Vintage-Rock vom Flohmarkt haben musste! Dazu muss vielleicht noch gesagt sein, dass man davon ausgeht, dass Organic Cotton Pflanzen auf lange Sicht angeblich etwas weniger Wasser benötigen, da hochwertigere Pflanzen bzw. gesünderer Boden mehr Flüssigkeit speichern können. Die Baumwollpflanzen müssen aber so schnell wachsen und Erträge erzielen, dass leider auch diese Rechnung nicht ganz aufgeht. Die ideale Bewässerungsmethode wäre es, die Pflanzen mit aufgefangenem Regenwasser zu versorgen – glaubt man Cotton Inc. Tun das bereits knapp die Hälfte der weltweiten Produzenten von Baumwolle als auch Biobaumwolle. Herauszufinden, zu welcher Art mein gerade eben gekauftes Shirt zählt, ist leider genauso unmöglich wie festzustellen, unter welchen Bedingungen die Wolle geerntet wurde. Der Wasserverbrauch ist vor allem in Ländern wie Indien wichtig, wo reines Wasser sowieso Mangelware ist.

Ein anderer Punkt bei dem Bio-Baumwolle im Vorteil zu sein scheint, ist der Einsatz von Chemikalien. Auf die wird aber leider nicht verzichtet, man verwendet dabei einfach nur welche, die aus natürlichen Stoffen entwickelt werden. Dass diese die Umwelt nicht negative beeinflussen ist aber auch nicht bestätigt.

Was also tun mit meinem Impulskauf, der mehr Wasser verschwendet hat wie eine Kleinfamilie in 10 Tagen? Eigentlich kann man nur aus der Sache lernen, sich ins Gewissen reden und öfter daran denken, dass die kleinen Handlungen oft größere Wirkung haben, als man denkt. Das geht natürlich auch in umgekehrter Weise: Auch wenn wir glauben, es sei egal wenn wir ein Kleidungsstück weniger kaufen, wenn wir die eine Glasdose recyceln oder uns mit den ausgelatschten Schuhen noch eine Saison lang zufrieden geben – es hat eine Auswirkung. Deshalb sollten uns solche Nachrichten weniger deprimieren als viel mehr motivieren! Unser Konsumverhalten hat immer irgendeine negative Auswirkung, das ist einfach so. Man kann sich aber sehr wohl überlegen, wie man selbst damit umgeht und wie man den Schaden so gut es geht begrenzt: Wir können wertschätzender mit unseren T-Shirts umgehen. Wir können es bei kleinen, lokalproduzierten Labels kaufen, statt bei gesichtslosen Großunternehmen. Wir können darauf achten, dass es so lange wie möglich Nutzen für uns hat. Wir müssen es nicht wegwerfen, wenn wir es nicht mehr mögen, sondern können jemanden finden, dem es gefällt oder der es vielleicht sogar dringend braucht. Wenn es schlussendlich doch kaputtgeht, können wir ihm sogar eine neue Aufgabe geben und es als Putztuch verwenden.

Was mich und mein weißes T-Shirt angeht: Ich werde es pflegen wie einen Schatz damit es so lange wie möglich Nutzen für mich hat. Denn nun ist mir leider bewusst, dass es einen viel höheren Preis hatte, als ein paar Euro.

 

 

Quelle für die Statistiken: https://qz.com/990178/your-organic-cotton-t-shirt-might-be-worse-for-the-environment-than-regular-cotton/

Neu im MET Museum: Rei Kawakubo – Art of the In-Between

Es gibt einige Modedesigner, die ich besonders bewundere. Und das nicht unbedingt weil die Kleidung, die sie entwerfen schön ist. Meistens trifft das Wort „schön“ gar nicht richtig zu, zumindest nicht so, wie es die meisten definieren würden. Nein, ich schätze diese Designer so sehr, weil sie Kleidung als Kunstform sehen – und mich damit immer wieder faszinieren. Ganz oben auf dieser Liste steht die Japanerin Rei Kawakubo mit ihrem Label Comme des Garçons. Ihr wird dieses Jahr eine ganz besondere Ehre zuteil. Welche das ist und warum ihre Geschichte die Modewelt seit den 80er Jahren so fasziniert? Lest selbst:

 

Das zweite Mal erst wird die alljährliche Gala des Metropolitan Museum of Art in New York einer noch lebenden Mode-Ikone gewidmet. Zuletzt war das im Jahr 1983 der Fall, als ein junger Modeschöpfer die Welt mit seinen visionären Entwürfen immer wieder aufs Neue beeindruckte – Yves Saint Laurent. Zwei Jahre davor beging Rei Kawakubo gerade erst ihr Laufsteg-Debüt. Und nun, nach einer ebenso langen wie erfolgreichen Karriere, die noch lange nicht vorbei ist, wird der japanischen Design-Rebellin der Event samt dazugehöriger Ausstellung gewidmet. Eine große Ehre, die – und da ist sich die Modewelt einig – absolut verdient ist. Die Ausstellung „Rei Kawakubo/Comme des Garçons: Art of the In-Between“ widmet sich dem vollständigen Werk ihrer Modemarke Comme des Garçons und zeigt insgesamt 120 verschiedene Kreationen. Angefangen von ihrem Laufsteg-Debüt bis hin zu den aktuellen Shows. Der Aufbau wird in kontrastierende Themenbereiche aufgeteilt: Ost/West, männlich/weiblich und Vergangenheit/Zukunft, um so Kawakubos Begeisterung für das Dazwischen-Sein auszudrücken. Aber was macht diese Modemarke samt der Frau dahinter seit Jahrzehnten so faszinierend? Um eine Ahnung davon zu bekommen, genügt bereits ein Rückblick auf die erste Comme-des-Garçons-Kollektion, die über den Pariser Laufsteg geschickt wurde.

 

Rei Kawakubo Art of the In-Between
Body Meets Dress–Dress Meets Body, spring/summer 1997 + Blood and Roses, spring/summer 2015; by © Paolo Roversi

 

Geburt des Hiroshima-Chic

Die Marke wurde zwar bereits 1969 gegründet, es war aber erst im Jahr 1981, als die aus Japan stammende Rei Kawakubo erstmals die Modewelt aufmischte. Die Kleider zeigten wie von Motten zerfressene Löcher, deformierte Formen, den Körper verhüllende Schnitte und Asymmetrie, wo zuvor noch keine denkbar war. Die Wogen gingen hoch. Als „Post-Atomar“ und „Hiroshima-Chic“ wurden ihre Entwürfe vor allem von der konservativen Presse zerstückelt. Als entsetzlich und politisch unkorrekt empfand man die sichtbaren „Auswucherungen“ der Kleidung. Um diese Verstörtheit zu verstehen, muss man auch die damalige Zeit betrachten, in die Kawakubo ihre Avantgarde-Mode hineingebar. Anfang der achtziger Jahre regierte der Glamour in Mode, Musik und Film. Die Fernsehserie Dallas mit ihren riesigen, in glitzerstoff gehüllten Schulterpolstern zeigte der breiten Masse, wie es gerade sein sollte. Gianni Versace und Thierry Mugler waren die von Luxus umwehten Designer der Stunde. In diese Welt schickte die Japanerin also ihre formlosen, schwarzen Stoffe, durchlöcherten Strickgewebe und zerfetzten Kleider. Natürlich fühlte sie sich missverstanden, äußerte sich aber mit starken Worten: „Ich war immer schon gegen Menschen, die mir sagen wollen, was ich zu tun habe.“

 

Rei Kawakubo Art of the In-Between
Cubisme, spring/summer 2007; by © Craig McDean + The Infinity of Tailoring, autumn/winter 2013–14; by © Collier Schorr

 

Bis heute sind Comme-des-Garçons-Shows ein Erlebnis. Exaltierte Formen, der Schwerkraft trotzende Skulpturen und Modelle, die gleichzeitig sakral, romantisch und morbide wirken. Dazu gehören auch die fröhlichen Polkadots, die sich von Beginn an durch Kawakubos Arbeit zogen und einen spannenden Kontrast zur oft düsteren Thematik bilden.

Sie sind sowohl als Kontrapunkt ein klassischer weiblicher Ansatzpunkt als auch eine Art, die Wahrnehmung großflächig zu verzerren. In ihrer Mode gibt es keine körperlichen Grenzen, genauso wie rationale Schnitte, die natürlichen Formen folgen. So dekonstruiert, fatalistisch und morbide ihre Entwürfe auch sind: Die Designerin stellt in ihrer Arbeit immer wieder in Frage, was es bedeutet, eine Frau zu sein und zeigt durchaus auch romantische Elemente in ihrer Kleidung. Ihre Prêt-a-Porter-Entwürfe sind der Kunst häufig näher als der Mode – vor ihr trauten sich dies nur sehr wenige. Im Interview mit der Zeitschrift The New Yorker sagte sie dazu nur: „Ich wollte niemals eine Revolution starten“, tat es damit aber doch. Mit dieser Einstellung inspirierte sie nicht zuletzt einige der einflussreichsten Modedesigner unserer Zeit. Martin Margiela zum Beispiel, Ann Demeulemeester, die fast ausschließlich in Schwarz entwirft und nicht zuletzt Österreichs Modeexport Nummer Eins, Helmut Lang, nannten Kawakubo bereits als Inspirationsquelle. Marc Jacobs trägt bis heute mit Vorliebe ihre Röcke für Männer. Sie inspiriert aber nicht nur, sondern unterstützt vielversprechende Nachwuchsdesigner auch aktiv beim Karrierestart. Wie zum Beispiel die von ihrem ehemaligen Mitarbeiter Junya Watanabe, der heute bereits ein Fixstern am Modehimmel ist.

 

Leidenschaft und Geschäftssinn

Bekennende CDG-Fans wurden dank ihren weiten, ausschließlich schwarzen Outfits von der Presse mehr oder weniger liebevoll „die Krähen“ genannt, und ihre avantgardistische Herangehensweise wurde schon bald als die Uniform Intellektueller verschriehen. Dabei war genau das Gegenteil Kawakubos großes Anliegen. Dem Interview Magazine erzählte sie einst: „Für mich gibt es keine rein intellektuelle Herangehensweise. Sie ist viel simpler als das. Alles was ich erschaffe, soll einfach nur meinen eigenen Anspruch an Schönheit und Stärke genügen. Und das ist das fertige Kleidungsstück für mich dann auch. Wie es für die Anderen aussieht, müssen sie selbst entscheiden.“ Und „die Anderen“ finden Gefallen an jeder weiteren Kollektion, denn seit den Anfängen der Marke wuchs sie auf über 20 Sub-Marken. Comme des Garçons macht einen geschätzten Umsatz von über 220 Millionen Dollar pro Jahr und das obwohl – oder gerade weil? – die Frau dahinter immer nur auf ihre eigene Intuition hörte, ob in kreativen oder kommerziellen Belangen.

 

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Rei Kawakubo Art of the In-Between
© The Metropolitan Museum of Art

Man könnte es also als paradox bezeichnen, dass diese durch fast untragbare Kleidung berühmt gewordene Marke eine kommerziell durch und durch erfolgreiche und wachsende ist. In den Stores ist das, was auf den Runways zu sehen ist allerdings so gut wie nie zu finden. Derartige Entwürfe sind natürlich nicht gerade das, was die breite Masse gerne im Kleiderschrank hängen hat. Deswegen führte man auch die aus Basics bestehende Linie „Play“ ein, die durch ihr Logo ebenfalls einen hohen Wiedererkennungswert hat. Das Herz mit Augen wurde vom polnischen Künstler Filip Pagowski entworfen, der dafür nach eigener Aussage nur einen einzigen Versuch benötigte.

 

Ein ewiger Mythos

Rei Kawakubos Kollektionen sind oft schwer zu verstehen und manches Konzept erfordert eine sehr intensive Auseinandersetzung mit den Themen, die sie bearbeitet. Manchmal strahlen sie auch eine gewissen Art Komik aus (die Japanerin besitzt angeblich einen äußerst trockenen Sinn für Humor). Gerade deswegen, und wahrscheinlich auch wegen der daraus resultierenden Kontroversität, sind sie bis heute ein Spektakel geblieben, das provoziert und berührt. Kein Entwurf aus ihrer Hand lässt kalt. Nie würde Kawakubo auf die Idee kommen, sich selbst am Ende der Show dem Publikum zu präsentieren und auch Porträts von ihr sind sehr rar. Ihr Einfluss hat die Art, wie wir Mode betrachten, tragen und kaufen, für immer verändert. Und jetzt, mit 74 Jahren, ist sie immer noch der Kopf einer Marke, die sich zu einem weltweiten Konzern entwickelt hat. Doch sie wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass dies ihre letzte Kollektion gewesen sein könnte. Vielleicht trägt ja auch dies dazu bei, dass jede ihrer Shows mit einer gewissen Ehrfurcht betrachtet wird. Durch das Met Museum bekommt Kawakubo nun ihren verdienten Ritterschlag.

 

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Die Ausstellung „Rei Kawakubo/ Comme des Garçons: Art of the In-Between“ ist noch bis 4. September 2017 im Met Museum New York zu sehen.

www.metmuseum.org

Die Kunst der Provokation – die Welt von Hussein Chalayan

Ein Name, den ihr kennen solltet: Der Modedesigner und Konzeptkünstler HUSSEIN CHALAYAN arbeitet mit verwesendem Stoff, macht Möbel tragbar und lässt Kleider sich am Laufsteg wie von Zauberhand verwandeln. Wenn ihr seine einzigartigen Werke noch nicht kennt, dann wird es höchste Zeit! Ein genauerer Blick auf den Ausnahme-Künstler.

 

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Ein Model betritt den Laufsteg. Bis auf Sandalen ist sie völlig nackt. Nur ein kleines Stück Tuch bedeckt ihr Gesicht und macht sie trotz völliger Blöße anonym und eigenartig fremd. Der schwarze Stoff verlängert sich mit jedem weiteren Model, lange bleibt der Schambereich entblößt, während das Gesicht immer verdeckt bleibt. Am Schluss wird klar, dieser schwarze, die Identität-verhüllende Stoff stellt eine Burka dar. Eine Kollektion, die die Grenzen zwischen Fashion Show und Kunst Performance verschwimmen ließ und deren politisches Statement noch lange nachhallen sollte. Völlig entblößt und doch vollkommen anonym durch ein einziges Stück Stoff vor dem Gesicht. Bringen wir unsere Persönlichkeit mit Mode und Stil wirklich zum Ausdruck oder verstecken wir uns eher hinter ihr?
Hussein Chalayan, Designer mit komischem Namen, Unternehmer und Konzept-Künstler. Ein Liebhaber der schönen Künste, der die Themen auf den Laufsteg bringt, die die meisten Designer nicht mal mit Samthandschuhen anfassen würden. 1970 im türkischen Teil der Insel Zypern geboren, musste er sich den Traum, seine Kreativität ausleben zu dürfen hart erkämpfen. Ärzte oder Posten in der Wirtschaft, das sah man damals in Zypern als anständige, ehrenhafte Berufe. Irgendwann überzeugte er dennoch seine Eltern und studierte am renommierten Central Saint Martins College of Art and Design in London. Noch während seines Abschlussjahres erregte er mit seinen gewagten, sozialkritischen Entwürfen Aufsehen. Immer wiederkehrende Themen des Wahl-Londoners sind Fragen nach kultureller Identität, Entwurzelung und Migration, denn auch seine eigene Geschichte ist von verschiedenen Kulturen geprägt. Chalayan hält regelmäßig Vorlesungen über sein Werk und hatte Ausstellungen in internationalen Museen in London, Kyoto, Paris und New York. Seine Ideen beschäftigen sich nicht nur mit Mode, sondern auch mit Geschichte, Politik, Architektur und Kunst. Schon immer war seine Auffassung von Mode mehr Gaudí als Gucci, mehr Dali als Dior. Und das in einer Zeit, in der sich Modedesigner eher auf den sicheren Pfad begeben und der Verkauf der Produkte wichtiger ist, als der kreative Prozess. Das Konzept, welchem die meisten Labels folgen, heißt Gewinn, und dafür müssen die Entwürfe so kommerziell wie möglich sein. Ein Konzept, dem auch das Label Chalayan folgen muss, ihm aber nicht völlig unterliegt.
Von der ersten Kollektion, in der Seidenkleider gezeigt wurden, die davor begraben und exhumiert wurden, bis zur Herbst/Winter 2000 Kollektion „After Words“, die die Grenzen zwischen Vernissage und Modenschau verschwimmen ließ – seine Shows sind in Kritikerkreisen legendär. Auch wenn letztere bereits 15 Jahre zurück liegt, hat sie sich als Symbolbild seines Schaffens in die Köpfe der Modeaffinen gebrannt (und wurde bejubelt wie das große Finale eines Rockkonzerts):

In einer Art Wohnzimmer, das den Catwalk darstellte, begannen Models die Stoffe von Sofas und Sesseln abzuziehen und verwandelten diese in beeindruckende, durchaus tragbare Kleider. Der Rest der Möbel wurde zu Koffern zusammen geklappt und davon getragen. Für das Finale stieg eines der Models in das Loch in der Mitte eines Couchtisches, der bis dahin Zentrum einer Sitzecke auf dem Laufsteg gewesen war. Ganz langsam zog sie den Tisch in Richtung Hüfte, befestigte ihn und begann, auf und ab zu gehen. Aus einem unscheinbaren, hölzernen Tisch war ein Rock geworden. Thematisiert wurde damit die steigende Anzahl an Flüchtlingen und das Grauen, all sein Hab-und Gut – und so auch die Möbel – zurücklassen zu müssen. Eine Thematik, die heute für uns leider alltäglich ist, machte er damals schon zum Thema. Auch wenn man sich von so materiellem wie der Einrichtung trennen muss, trennt man sich automatisch auch von einem kleinen Teil seiner Selbst, kommentierte der Designer damals. So etwas hatte die Modewelt noch nicht gesehen, und der Schöpfer dieser erstaunlichen Verwandlung von Möbel- in Kleidungsstück war über Nacht das neue, zukunftsweisende Genie des Laufstegs. Ab diesem Zeitpunkt durften man sich sicher sein: das war nicht der letzte Hase, den er aus dem Hut zaubern würde.

 

Kleider, die sich mit einem Ruck an der richtigen Stelle plötzlich in Farbe und Form verwandeln, Hüte, die eigentlich gar keine sind und ethnische Konflikte, erzählt nur durch einen Entwurf. Ein Hauch von Magie umgibt seine Welt. Für „Ambimorphous“ präsentierte er traditionelle Tracht, an die seines eigenen Geburtslandes angelehnt. Nach und nach, begann ein dunkler Stoff die farbenfrohe Folklore, scheinbar aus der Mitte des Körpers ausgehend aufzufressen. Wie ein Parasit, der sich mehr und mehr ausbreitet und das Alte mit dem am Schluss gezeigten, modernen schwarzen Mantel, komplett ersetzt. Eine Studie kultureller Veränderung, gebannt in Stoff, die Fragen nach Identität, Geschichte und Heimat in den Raum stellt.



Da liegt natürlich eine Frage nicht allzu fern: Braucht man denn sowas? Die Antwort der meisten wäre wohl ein klares nein. Zumal dem Designer schon vom ein oder anderen Spießer vorgeworfen wurde, die meisten seiner Entwürfe wären nicht tragbar. Eine Antwort, die Mr Chalayan wohl egal wäre, denn für experimentier- faule sind seine Designs ja sowieso nicht gedacht. Wer weiß, vielleicht legt er es gerade darauf an, ein bisschen mehr Aktion, mehr Überraschung und mehr Staunen in das (Mode)Leben der breiten Masse zu bringen. Ein kleiner Revoluzzer, das war er ja schon immer.
Mit 45 Jahren kann Hussein Chalayan bereits auf unzählige Auszeichnungen zurückblicken, darunter auch die, für sein Lebenswerk. Gerechtfertigt, wenn man auf sein vielseitiges Schaffen zurückblickt. Mit seiner Arbeit will er nach eigener Aussage blinden Flecken eine Gestalt geben, dem Betrachter Dinge zeigen, die er zwar sieht, aber nicht wirklich wahrnimmt. Eine Haltung, die die Idee und die Message hinter der Kleidung in den Vordergrund stellt und sich nicht nur vom kommerziellen Gedanken leiten lässt. Mit Beginn des Wintersemesters 2014/15 übernahm er, der selbst bereits in allen Mode-Lehrbüchern der Welt zu finden ist, die Leitung der Modeklasse an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Man darf also in Zukunft auch vom österreichischen Modenachwuchs einiges erwarten, vielleicht sogar ein bisschen Magie.

 

 

(Credits: Youtube, Beitragsbild: Youtube-Screenshot)

Ein letzter Rundgang – Karl Lagerfeld. Modemethode in Bonn

Über 60 Jahre in der Modebranche. 4 der renommiertesten Modelabels der Welt. 126 Looks und hunderte Accessoires. Die Ausstellung KARL LAGERFELD. MODEMETHODE in der Bundeskunsthalle Bonn lädt noch bis 13. September zum Staunen ein.

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Was soll man über jemanden schreiben, den man schon so lange Zeit bewundert? Wie soll man einen Artikel beginnen, über eine Person, deren Name mehr als 16.900.000 Google-Treffer hat? Wie soll man einen der großartigsten Designer unserer Zeit beschreiben? Am besten nicht zu schwärmerisch, denn das mag er nach eigener Aussage gar nicht. Das glaubt ihr mir nicht? Aber dochdochdoch! „Eigentlich bin ich noch immer irgendwie der kleine Junge aus Hamburg“. Dass das die Übertreibung des Jahrhunderts ist, zeigt die umfangreiche Retrospektive, die Karl Lagerfeld dieses Jahr in der Bundeskunsthalle in Bonn gewidmet wurde. Aber wir wissen ja: „Was ich sage, ist nur dann gültig wenn ich es gerade sage.“ Niemand wurde so oft zitiert, niemand schüttelt so viele Entwürfe aus dem Ärmel, niemand fertigt so präzise Zeichnungen. Wobei wir auch schon am Beginn der Ausstellung wären. Hier steht zentral und hell erleuchtet das Heiligtum des Designers. Sein Rückzugsort, sein kreativer Mittelpunkt, der Entstehungsraum seiner Ideen und da er mehr oder weniger den ganzen Tag hier verbringt, auch sein Lebensraum: Karl Lagerfelds Schreibtisch. Nun ja, eine Nachbildung um genauer zu sein, was mich allerdings nicht daran gehindert hat, ihn andächtig zu berühren. Hüfthoch-gestapelte Zeitschriften und Bücher, Klebestifte, Zeichenmaterial und ja, auch das berühmte Shu Uemura Make-Up, mit dem er seine Entwürfe koloriert. Und auffallend viel Papier. Papier, gestapelt am Boden, Papier in Blockform (der Originale Zeichenblock übrigens). Und Papier zerknüllt auf dem Schreibtisch. Ein Anblick bei dem ich erschaudere – wie viele geniale Ideen, die er als nicht gut genug befand, kamen so wohl ums Leben? Und das ist auch das zentrale Thema der Ausstellung. Nein, nicht das Dahin-meucheln unschuldiger Entwürfe, sondern Papier. Das Liebste Medium des Künstlers.

          lagerfeld_Chanel_05 Fendi Adele s.r.l. - Karl Lagerfeld sketches - Fall/Winter 2000

Und so wurden auch alle Texte zu Ausstellungsstücken auf Papier geschrieben und samt Modeskizzen und Zeitungsausschnitten aus Papier an die grauen Mauern geklebt. Das leise Kratzen eines Filzstiftes dient als Geräuschkulisse und ist allgegenwärtig. Im letzte Raum, der die Haute Couture Entwürfe beherbergt, regnet es Papier sogar von der Decke – aber so weit sind wir noch gar nicht.

Betritt man den zweiten Raum, sticht dem wahren Karl-Fanatiker gleich das erste Stück ins Auge: der Mantel, den er 1954 für einen Talentwettbewerb entwarf und damit sofort den ersten Platz gewann. In der Jury: Hubert de Givenchy und Pierre Balmain. (Den ersten Preis in der Kategorie „bestes Cocktailkleid“ gewinnt übrigens der junge Yves Saint Laurent). Der Startschuss für eine Karriere sondergleichen und ein Leben für die Mode.

Ich könnte nun alle Stationen dieses außergewöhnlichen Menschen anführen. Von seinen ersten Erfolgen bei Chloé, den Einstieg bei Fendi, der Rettung von Chanel oder der Gründung seines eigenen Labels Karl Lagerfeld. Aber das würde den Rahmen sprengen. Was trotzdem erwähnenswert und auffallend ist: egal welches Label, egal welches Jahrzehnt an dem kleinen Schildchen am Fuß des Mannequins geschrieben steht – die Kleidung wirkt so zeitlos und modern, dass man sie auch heute noch ohne weiteres tragen könnte und damit trotzdem voll am Puls der Zeit wäre.

„Karl Lagerfeld prägt die Modewelt bereits seit über 60 Jahren und ist dabei so aktuell wie kein Zweiter. Seine Entwürfe sind profiliert und eigen, atmen aber gleichsam den Geist der Zeit und lassen – je nach Modehaus und Kollektion – einen klaren Stil erkennen.“, bemerkt auch Rein Wolfs, einer der Kuratoren von Modemethode.

Hat man die (Ruhmes-)Halle seiner Prêt-a-Porter-Entwürfe durchquert, gelangt man zum letzten Raum, dessen Schönheit einem fast den Atem raubt. Okay, das könnte man jetzt als zu schwärmerisch auffassen – aber meine eigene Schnappatmung und mehrere beeindruckte „Mon Dieu“s der Schweizer Touristengruppe hinter mir bewiesen, dass es so war. Das Künstlertrio Wanda Barcelona hat für ihre Installation abertausende Papierteilchen (aus Gmund Papier, der favorisierten Zeichenunterlage Lagerfelds) eigenhändig angesengt und durch den ganzen Raum „schweben“ lassen. Dazwischen präsentieren sich die aufwendigen Haute Couture Entwürfe wie glitzernde Statuen, deren Perfektion man fast nicht fassen kann.

King Karl, Kaiser Karl, Modezar Lagerfeld – alles Betitlungen, die dem ironischen Humor des Designers entsprechen. Aber sieht man diese visualisierte Zusammenfassung seiner Kreativität, die eigentlich nur ein Bruchteil seines Werkes zeigt, wird klar, dass Karl Lagerfeld eigentlich nur eines ist: einer der visionärsten, stilprägendsten Modeschöpfer unserer Zeit, und wahrscheinlich sogar über diese hinaus.

Für all jene, die es nicht ins schöne Bonn geschafft haben, gibt’s hier einen Rundgang durch die Ausstellung, die nur noch bis 13. September 2015 zu sehen ist:

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Weitere Informationen unter www.bundeskunsthalle.de.

(Credits: Bundeskunsthalle Bonn, Beschreibungen in der Bildbeschriftung.)

 

Alexander McQueen – Savage Beauty

Einer der Hauptgründe für meinen Wochenend-Trip nach London dieses Frühjahr war, dass hier im Victoria & Albert Museum eine fast schon sagenumwobene Ausstellung Station machte. Von 14. März bis 2. August ist die große Alexander McQueen-Retrospektive „Savage Beauty“ in der Heimat des Designers zu sehen. Aber was steckt hinter der ganzen Aufregung und ist der Hype überhaupt gerechtfertigt? Willkommen zum virtuellen Rundgang, auf den Spuren des Ausnahme-Künstlers, dessen Gesicht bald sogar die neue 20 Pfund-Münze zieren könnte.

2011, knapp ein Jahr nach dem Tod Alexander McQueens, wurde die Ausstellung „Savage Beauty“ im Metropolitan Museum of Art in New York eröffnet. Nach den überraschend erfolgreichen ersten Wochen, in denen Besucher bis zu zwei Stunden um Tickets anstanden, beschloss das Met, spezielle 50-Dollar-Tickets anzubieten, mit denen man die Schau auch montags sehen konnte – ein Tag, an dem das Museum traditionellerweise geschlossen hat. 17.000 dieser Tickets wurden schlussendlich verkauft. Nach zwei Monaten wuchsen die Wartezeiten auf vier Stunden an und erstmals in der Geschichte des Museums wurden die Öffnungszeiten bis Mitternacht verlängert. Insgesamt 650.000 Menschen pilgerten nach New York um eines zu sehen: „Savage Beauty“ – wilde, grausame, schonungslose, drastische Schönheit. Nun ist die Ausstellung, die alle Rekorde brach, im nicht weniger ausgebuchten Victoria & Albert Museum in London zu sehen. Und sie ist eine Reise wert.

Gleich zu Beginn betritt man einen fast zur Gänze abgedunkelten Raum. Einzig das überdimensionale Antlitz des Designers selbst prangt, umgeben von diffusem Licht, an der Wand. Es macht den Anschein, als besuche man hier nicht nur eine Ausstellung, sondern betrete die Gedankenwelt eines der genialsten Modeschöpfer dieser Welt  – Lee Alexander McQueen. Seine Karriere begann mit sechzehn, als Lee, das  Arbeiterkind aus bodenständigen Verhältnissen mit schottischen Wurzeln, die Schule verließ, obwohl er lediglich einen Abschluss in Kunst erzielt hatte. Es folgten Lehrstellen bei Anderson & Sheppard, dem Traditionsschneider des königlichen Hofausstatters in London, einem Militärschneider, einem Kostümbildner und schließlich der Master-Studiengang im Central Saint Martins, einem der renommiertesten Colleges für Mode weltweit. Hier sorgte er schon mit seiner Abschlusskollektion „Jack the Ripper stalks his Victims“, in die er menschliches Haar einnähte, für Aufsehen. Und so steht auch der erste Teil der Ausstellung ganz im Zeichen seiner Anfänge. Man sieht die ersten konzeptionellen Werke seiner Studienzeit, die ersten akkurat geschneiderten Blazer und, für spätere Verhältnisse, die sehr konservativen Hosenanzüge. Die Geräuschkulisse ist beklemmend, fast schon unheimlich, und man fühlt sich hier nicht wohl. Ganz so, wie sich McQueen in diesem Abschnitt seiner Laufbahn nie wohl gefühlt hat. Er litt unter den homophoben Ansichten der alteingesessenen Schneider, durfte sich kreativ nie voll entfalten, war zu eingeengt in seinem Schaffen. Die ausgefallenen Ideen existierten bereits in seinem Kopf, das Geld zur Umsetzung hatte er aber bei weitem nicht. Doch lernte er hier das handwerkliche Können, das der Kern seiner kreativen Fantasien war. Auch dem ausgefallensten Kleid lag ein perfekt konstruierter Schnitt zugrunde. In seiner Karriere sollte er durch sein unglaubliches Talent immer wieder anderen auffallen, darunter dem Fotografen Nick Knight, der unmittelbar Zeuge von McQueens Fähigkeiten wurde. Bei einem Shooting zerriss er vor den Augen des staunenden Teams den Anzug eines Bräutigams um daraus ein Hochzeitskleid zu fertigen, in weniger als 3 Minuten. „Man muss die Gesetze der Mode erst erlernen, damit man sie brechen kann.“

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Doch Talent allein macht nicht berühmt, das fand der oft in sich gekehrte schnell heraus. So verbreitete er das Gerücht, er habe während seiner Schneiderlehre in eines der Sakkos für Prinz Charles einen kleinen Zettel mit der Aufschrift „I am an asshole“ eingenäht, woraufhin sämtliche Modelle aus dem Kleiderschrank des Royals eingezogen und in ihre Einzelteile zerlegt wurden. Beweise gab es schlussendlich keine, doch er hatte damit das erzielt, was er zu dieser Zeit am meisten brauchte: Aufmerksamkeit. In regelmäßigen Abständen fütterte er die Modepresse mit provokativen Aussagen, offene Diskussionen bereiteten ihm eine bösartige Freude. McQueen brachte, zusammen mit seinem schmutzigen Lachen und der Vorliebe für Junkfood und Bier, frischen Wind in die damalige, steife Modeszene.

Dass „Savage Beauty“ nicht chronologisch geordnet ist, merkt man an der großen Glasvitrine vor der man nun steht. Verträumte Brokat-Stickereien, wallender Tüll, Fotodrucke seiner Lieblingskünstler Hieronymus Bosch und Sandro Botticelli, die Engels-oder Endzeitmotive zeigten, ein Mantel aus gold-gefärbten Entenfedern – die letzte Kollektion des Designers, die noch postmortem von seinem Team gefertigt wurde und als seine schönste gilt. In kleinstem Kreise wurde die Kollektion „Angels & Demons“ im Salon eines Pariser Herrenhauses gezeigt. Die sechzehn Entwürfe, die alle noch von McQueen selbst zugeschnitten und drapiert worden waren, wirken zart, zerbrechlich und unfassbar glamourös. Nichts ist mehr von der Härte und dem Rüstungsartigem zu sehen, das bislang alle McQueen-Kollektionen durchwuchs. Man ist geblendet von der Schönheit, verlässt den Raum aber mit dem unheimlichen Gefühl, dass die Hand des Designers schon von der friedvollen Gelassenheit geführt wurde, die mit einem Abschluss einhergeht. Dem Abschluss mit seinem Leben.

4._Tahitian_pearl_neckpiece_Shaun_Leane_for_Alexander_McQueen_Voss_Spring_Summer_2001_copyright_Anthea_Sims PARIS fashion week march 2006 READY TO WEAR FALL WINTER 2006/07 ALEXANDER Mc QUEEN Mandatory Credit: Photo by REX (326601l) ALEXANDER MCQUEEN FASHION SHOW AT LONDON FASHION WEEK SPRING SUMMER 2001

Anfänglich wurde Alexander McQueen eine gewisse Frauenfeindlichkeit nachgesagt. Er stecke Frauen in Bondage-und Sadomaso-Outfits, nannte eine seiner Kollektionen „Highland Rape“ und wurde von der Presse dadurch angeklagt, eine gefährliche und brutale Sexualität zu propagieren. Lange schwieg er zu diesen Vorwürfen, erklärte dann aber den wahren Grund hinter dieser Mode. Als Achtjähriger hatte er mitansehen müssen, wie der damalige Ehemann seiner Schwester sie vor den Augen ihrer Kinder zu würgen begann. „Ich weiß also, was Frauenfeindlichkeit bedeutet. Alles, was ich seitdem getan habe, sollte die Frauen stärker erscheinen lassen, nicht naiv. Ich will den Frauen Macht geben. Ich möchte, dass man die Frauen in meinen Kleidern fürchtet.“

Seine Mode war aber immer auch Ausdruck seiner selbst, seiner Anliegen, Träume und vor allem Ängste. Mit seinen Konzepten und Shows nahm er kritisch Stellung zu kontroversen Themen, vor allem zu Schönheitsidealen. Shows wie „No.13“, die er von einer Teilnehmerin der Paralympics eröffnen ließ, deren Beine oberhalb des Knies amputiert worden waren, sorgten für Diskussion. Das Shakespeare-Zitat „Liebe schaut nicht mit den Augen, sondern mit dem Verstand“ prangte auf ihrem Arm.

In anderen Kollektionen krabbelten lebendige Würmer zwischen den Plastikschichten eines Korsetts oder liefen blasse Models mit Dornenkronen blutüberströmt über den Laufsteg in Form eines Kruzifix. Schockmomente, Ekel, Selbstreflexion. Mit Voss (2001) brachte er diesen Gedanken auf die Spitze. Das Publikum nahm vor einem riesigen Glaskasten Platz, der zunächst nur das eigene Spiegelbild wiedergab. Man konnte entweder wegsehen, sich selbst betrachten oder die unangenehme Erfahrung machen, wie andere einen selbst anstarren. Mit dieser Installation hatte er es geschafft, die Modejournalisten zu Objekten zu reduzieren und sie gezwungen, ihren kritischen, normalerweise auf Models gerichteten Blickauf auf sich selbst zu lenken. Als der Glaskasten von Innen beleuchtet wurde, gab er den Blick auf die Models frei, die mit bandagiertem Kopf und wirren Blicken durch eine Art psychiatrische Anstalt zu torkeln schienen. Der beängstigende Eindruck kam auf, dass die Schönheiten durch ihr eigenes Spiegelbild in den Wahnsinn getrieben werden.

Wahnsinn ist auch das Wort, welches einem beim Betreten des „Cabinet of Curiosities“ – dem spektakulärsten Raum von Savage Beauty – als erstes durch den Kopf geht. In einem überdimensionalen Setzkasten huldigt man hier den ausgefallensten Entwürfen und Shows, den kontroversesten Modellen und vor allem den Accessoires, die großteils von Hutmacher Philip Treacy stammen. SM-Masken, gemischt mit wunderschönen, filigranen Kopfbedeckungen und skulpturalen Schuhen. Performances werden auf Bildschirmen übertragen, die neben Haute-Couture-Kleidern aus seiner Zeit bei Givenchy Platz finden. Alles unterlegt mit sphärischen Klängen und eindeutigem Gestöhne einer Frauenstimme. Ein Raum, ganz so, wie McQueen seine Mode laut eigenen Aussagen selbst gesehen hat: „Es schwingt immer eine gewisse Sexualität und Perversität mit.“

BRITAIN-FASHION-McQUEEN

Mäntel und Blazer in militärischen Schnitten, Kleider in Anlehnung an das 19. Jahrhundert, Schottenkaro und Totenkopfmuster. Alles Dinge, die McQueen zu seinem Markenzeichen machte. Unvergessen auch die extrem tiefsitzenden „Bumster“ Hosen aus der 1994er Kollektion „Nihilism“, die ein drittel des Po’s freigaben und die Damenmode der folgenden Jahre stark beeinflussten.

„Sein Wissen über Mode und über das, was er wollte, war so schwarz und weiß. In dem, was er tat, gab es keine Grauzonen.“ – Sarah Burton

In der Tat pendelte er immer wieder zwischen Fröhlichkeit und Traurigkeit, Gut und Böse, Leben und Tod. Schuppige Körper, deformierte Silhouetten, hybride Wesen aus Mensch und Amphibie, aus Frau und Reptil. Die Vision, die McQueen mit seiner letzten Runway Show hatte, ging von einer zukünftigen Welt aus, in denen alles Land überflutet wurde und die Menschheit sich an ein Leben unter Wasser anpassen musste: Plato’s Atlantis. Die kaleidoskopischen Digitaldrucke galten als die komplexesten seiner Karriere, die amorphen „Armadillo“-Plateaustiefel, die nicht zuletzt Lady Gaga berühmt machte, gingen in die Modegeschichte ein.
Nur schwer löst man sich von dem Anblick der aufgereihten Wesen einer anderen Welt. Schafft man es aber doch, so merkt man: hier ist das Ende der Ausstellung und damit das Ende von Alexander McQueen. Nach dieser Fashion Show gab der Designer noch ein letztes, kurzes Interview, in denen er ungewohnt blass und abgekämpft aussah. Seine Antworten waren melancholisch, er wirkte in sich gekehrt und gedankenverloren. Das Ende krönt das Werk.
Am 10. Februar 2010, nur einen Tag vor der Beerdigung seiner Mutter, nahm sich Lee Alexander McQueen das Leben und der Modewelt ein Genie.

Alexander McQueen 2._Butterfly_headdress_of_hand-painted_turkey_feathers_Philip_Treacy_for_Alexander_McQueen_La_Dame_Bleu_Spring_Summer_2008_copyright_Anthea_Sims

„Alexander McQueen: Savage Beauty“  kann man noch bis 2. August 2015 im Victoria and Albert Museum London besuchen. Resttickets sind über www.vam.ac.uk erhältlich.