Tamara de Lempicka

Kunstportrait: Das Bild, das mich verfolgte.

Es muss wohl vor mehr als zehn Jahren gewesen sein. Mit meinen Eltern machte ich einen Ausflug in die Hauptstadt Wien, die mir damals noch so riesig vorkam. Wir gingen ins Museum, spazierten über die Ringstraße und fuhren mit einer der alten Straßenbahnen, die ich heute noch immer sehr liebe. Ein Moment von damals hat sich mir besonders eingeprägt: Ruckelnd fuhren wir an wunderschönen Sehenswürdigkeiten wie dem Rathaus, dem Parlament und den Parks vorbei, entlang der Ringstraße, gesäumt von Bäumen und Litfaßsäulen. Plötzlich sah ich ein Gesicht an einer der Säulen. Es zeigte eine Frau mit kantigen Zügen, die Farben und Schatten wirkten so dramatisch, so gemalt und realistisch zugleich. Es war das Plakat einer Ausstellung, die gerade im Wiener Kunstforum gezeigt wurde, doch bevor ich den Namen des Künstlers ausmachen konnte, waren wir auch schon an der Säule vorbei und die geheimnissvolle Frau verschwand aus meinem Blickfeld. Damals hatte ich kaum Interesse an Kunst, bekam den kurzen Eindruck dieses Gemäldes aber tagelang nicht mehr aus dem Kopf. Nichtsdestotrotz, vergaß ich das Gesicht irgendwann – bis jetzt. Ein Jahrzehnt danach, fiel mir beim Stöbern durch den Buchladen ein Bildband in die Hände, das genau dieses Bild zeigte und ich erinnerte mich sofort an unsere erste Begegnung. Und nun klärte sich auch das Rätsel des fehlenden Künstlers, oder besser gesagt, der KünstlerIN. Es stammte nämlich von der Malerin Tamara De Lempicka, deren Lebensgeschichte mich ziemlich schnell faszinierte. Und das aus vielen Gründen, die es definitiv wert sind, heute geteilt zu werden:

Tamara war DIE Künstlerin der Pariser Gesellschaft der zwanziger und dreißiger Jahre. Der Charakter der Künstlerin war allerdings nicht gerade von Eigenschaften wie Bescheidenheit oder Zurückhaltung geprägt, zumindest wenn man ihren Biografen glaubt. Als ich das erste Mal von ihr las, war sie mir deshalb nicht besonders sympathisch, das muss ich zugeben. Aber versetzt man sich in die damalige Zeit, war es vielleicht gerade ihr besonders starker Charakter, der ihr als Frau zum Erfolg verhalf. Denn wie wir bereits von Georgia O’Keeffe wissen, war die Kunstwelt – und eigentlich die Welt allgemein – von Männern dominiert.

 

 

Bereits als Kleinkind soll Tamara Lempicka sehr herrschsüchtig gewesen sein und beanspruchte alle Aufmerksamkeit für sich. Vielleicht lag das an ihrer Herkunft: 1898 wurde sie in Warschau in ein wohlhabendes Elternhaus hinein geboren. Ihre Mutter entstammte selbst einer privilegierten Familie, der Vater war Anwalt. Mit solch einem Familienstammbaum wurde man in der damaligen Zeit bereits in dem Glauben erzogen, etwas Besseres zu sein. Mit der Malerei kam sie bereits mit 12 Jahren in Kontakt, wieder unter ganz eigenwilligen Umständen: Eine Malerin sollte ein Portrait des Mädchens anfertigen – mit dem Endergebnis war sie aber alles andere als zufrieden und tönte,  sie könne es besser machen.  Ob das Portrait ihrer Schwester, das sie daraufhin malte nun wirklich besser war, wird ein Geheimnis bleiben. Leidenschaft und Talent durften aber bereits vorhanden gewesen sein. Als ihre Eltern sich trennten, beschloss Tamara aus Protest, bei ihrer Tante in Petersburg zu leben – ein luxuriöser und ausschweifender Lebensstil, den sie von da an nie mehr missen will. Mit 16 Jahren lernt sie den Anwalt (Hallo, Vaterkomplex!) Tadeusz de Lempicki kennen, den sie zwei Jahre später heiratet. Der Luxuslifestyle endet aber abrupt mit der russischen Oktoberrevolution 1918 und das glamouröse Paar flieht in die Modemetropole Paris. Sie bekamen eine Tochter namens Kizette und die Liebe zur Malerei lag bis dahin erst mal brach. Bis Tadeusz keine Arbeit mehr fand und Tamara gezwungen wurde, für den Unterhalt ihrer Familie allein zu sorgen. Aus der Not machte sie eine Tugend, nahm Malunterricht und kam mit den ersten Vertretern des Kubismus in Berührung, der damals noch alles andere als „salonfähig“ war.

 

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Sie wird schnell zur gefragten Künstlerin und eines der Aushängeschilder der Kunst im Europa der zwanziger und dreißiger Jahre. Vor allem ihre Bekanntheit in High Society Kreisen lässt sich wahrscheinlich nicht nur auf ihre malerischen Fähigkeiten zurückführen. Sondern auch auf ihre Entschlossenheit, jede Möglichkeit zu ergreifen, um bekannt und berühmt zu werden. Sie entscheidet sich daher bewusst für den Malstil Art-Deco, der damals der populärste war. Er ist prunkvoll, glamourös, mit viel Schwung und Gold. Auch ihre Modelle wählt sie gezielt aus und porträtiert vor allem die soziale Elite – die It-Girls und Influencer der damaligen Zeit quasi. Später widmet sich Tamara Frauen, die sowohl ihre Modelle als auch ihre Liebhaberinnen werden. Sehr gewagt für die damalige Zeit, aber in den Golden Twenties, als man mit dem Champagner-Konsum bereits beim Frühstück begann, ein Lifestyle der noch vertretbar war. Vor allem hatte sie eine Vorliebe für starke, emanzipierte Frauen, was sich auch auf ihre Kunst übertrug. Die Künstlerin vertauscht sehr oft weibliche und männliche Rollenmuster in ihren Bilder und zeigt Frauen z.B. nicht als Verführte sondern als Verführende. Für ihren Ehemann hat sich bald keinen Platz mehr in ihrem Leben, das sie inmitten der High Society führt. Man reißt sich darum, von ihr gemalt zu werden – eine Tatsache, die sie ausnutzt, um immer höhere Preise für ihre Porträts zu verlangen. Einen ersten Karriereknick gibt es aber, als sie einen ungarischen Baron heiratet und mit ihm im Alter von 41 Jahren in die USA emmigriert. Zwar hat sie weiterhin ihre Unabhängigkeit und kann sich bald die beliebteste Malerin Hollywoods nennen, doch ihre Kunst kann nicht mehr so ganz überzeugen. Als die Pop-Art (bunt, grafisch, meist gedruckt statt gemalt) über die USA schwappte, kann Tamara stilistisch nicht mehr mitkommen und gerät alsbald in Vergessenheit. Bis zu ihrem Lebensende stellt Tamara Lempicka ihre Kunst nirgends mehr aus, sie stirbt im Alter von 82 Jahren in Mexiko.

Erstaunlich, welche beeindruckenden Lebensgeschichten sich auf einer einfachen Litfaßsäule verbergen können, oder?

 

 

Die Bilder stammen aus dem großartigen Bildband DE LEMPICKA, erhältlich im TASCHEN-Verlag.

 

 

de Lempicka, Gilles Néret
Hardcover, 21 x 26 cm, 96 Seiten
ISBN 978-3-8365-3224-2

Neu im MET Museum: Rei Kawakubo – Art of the In-Between

Es gibt einige Modedesigner, die ich besonders bewundere. Und das nicht unbedingt weil die Kleidung, die sie entwerfen schön ist. Meistens trifft das Wort „schön“ gar nicht richtig zu, zumindest nicht so, wie es die meisten definieren würden. Nein, ich schätze diese Designer so sehr, weil sie Kleidung als Kunstform sehen – und mich damit immer wieder faszinieren. Ganz oben auf dieser Liste steht die Japanerin Rei Kawakubo mit ihrem Label Comme des Garçons. Ihr wird dieses Jahr eine ganz besondere Ehre zuteil. Welche das ist und warum ihre Geschichte die Modewelt seit den 80er Jahren so fasziniert? Lest selbst:

 

Das zweite Mal erst wird die alljährliche Gala des Metropolitan Museum of Art in New York einer noch lebenden Mode-Ikone gewidmet. Zuletzt war das im Jahr 1983 der Fall, als ein junger Modeschöpfer die Welt mit seinen visionären Entwürfen immer wieder aufs Neue beeindruckte – Yves Saint Laurent. Zwei Jahre davor beging Rei Kawakubo gerade erst ihr Laufsteg-Debüt. Und nun, nach einer ebenso langen wie erfolgreichen Karriere, die noch lange nicht vorbei ist, wird der japanischen Design-Rebellin der Event samt dazugehöriger Ausstellung gewidmet. Eine große Ehre, die – und da ist sich die Modewelt einig – absolut verdient ist. Die Ausstellung „Rei Kawakubo/Comme des Garçons: Art of the In-Between“ widmet sich dem vollständigen Werk ihrer Modemarke Comme des Garçons und zeigt insgesamt 120 verschiedene Kreationen. Angefangen von ihrem Laufsteg-Debüt bis hin zu den aktuellen Shows. Der Aufbau wird in kontrastierende Themenbereiche aufgeteilt: Ost/West, männlich/weiblich und Vergangenheit/Zukunft, um so Kawakubos Begeisterung für das Dazwischen-Sein auszudrücken. Aber was macht diese Modemarke samt der Frau dahinter seit Jahrzehnten so faszinierend? Um eine Ahnung davon zu bekommen, genügt bereits ein Rückblick auf die erste Comme-des-Garçons-Kollektion, die über den Pariser Laufsteg geschickt wurde.

 

Rei Kawakubo Art of the In-Between
Body Meets Dress–Dress Meets Body, spring/summer 1997 + Blood and Roses, spring/summer 2015; by © Paolo Roversi

 

Geburt des Hiroshima-Chic

Die Marke wurde zwar bereits 1969 gegründet, es war aber erst im Jahr 1981, als die aus Japan stammende Rei Kawakubo erstmals die Modewelt aufmischte. Die Kleider zeigten wie von Motten zerfressene Löcher, deformierte Formen, den Körper verhüllende Schnitte und Asymmetrie, wo zuvor noch keine denkbar war. Die Wogen gingen hoch. Als „Post-Atomar“ und „Hiroshima-Chic“ wurden ihre Entwürfe vor allem von der konservativen Presse zerstückelt. Als entsetzlich und politisch unkorrekt empfand man die sichtbaren „Auswucherungen“ der Kleidung. Um diese Verstörtheit zu verstehen, muss man auch die damalige Zeit betrachten, in die Kawakubo ihre Avantgarde-Mode hineingebar. Anfang der achtziger Jahre regierte der Glamour in Mode, Musik und Film. Die Fernsehserie Dallas mit ihren riesigen, in glitzerstoff gehüllten Schulterpolstern zeigte der breiten Masse, wie es gerade sein sollte. Gianni Versace und Thierry Mugler waren die von Luxus umwehten Designer der Stunde. In diese Welt schickte die Japanerin also ihre formlosen, schwarzen Stoffe, durchlöcherten Strickgewebe und zerfetzten Kleider. Natürlich fühlte sie sich missverstanden, äußerte sich aber mit starken Worten: „Ich war immer schon gegen Menschen, die mir sagen wollen, was ich zu tun habe.“

 

Rei Kawakubo Art of the In-Between
Cubisme, spring/summer 2007; by © Craig McDean + The Infinity of Tailoring, autumn/winter 2013–14; by © Collier Schorr

 

Bis heute sind Comme-des-Garçons-Shows ein Erlebnis. Exaltierte Formen, der Schwerkraft trotzende Skulpturen und Modelle, die gleichzeitig sakral, romantisch und morbide wirken. Dazu gehören auch die fröhlichen Polkadots, die sich von Beginn an durch Kawakubos Arbeit zogen und einen spannenden Kontrast zur oft düsteren Thematik bilden.

Sie sind sowohl als Kontrapunkt ein klassischer weiblicher Ansatzpunkt als auch eine Art, die Wahrnehmung großflächig zu verzerren. In ihrer Mode gibt es keine körperlichen Grenzen, genauso wie rationale Schnitte, die natürlichen Formen folgen. So dekonstruiert, fatalistisch und morbide ihre Entwürfe auch sind: Die Designerin stellt in ihrer Arbeit immer wieder in Frage, was es bedeutet, eine Frau zu sein und zeigt durchaus auch romantische Elemente in ihrer Kleidung. Ihre Prêt-a-Porter-Entwürfe sind der Kunst häufig näher als der Mode – vor ihr trauten sich dies nur sehr wenige. Im Interview mit der Zeitschrift The New Yorker sagte sie dazu nur: „Ich wollte niemals eine Revolution starten“, tat es damit aber doch. Mit dieser Einstellung inspirierte sie nicht zuletzt einige der einflussreichsten Modedesigner unserer Zeit. Martin Margiela zum Beispiel, Ann Demeulemeester, die fast ausschließlich in Schwarz entwirft und nicht zuletzt Österreichs Modeexport Nummer Eins, Helmut Lang, nannten Kawakubo bereits als Inspirationsquelle. Marc Jacobs trägt bis heute mit Vorliebe ihre Röcke für Männer. Sie inspiriert aber nicht nur, sondern unterstützt vielversprechende Nachwuchsdesigner auch aktiv beim Karrierestart. Wie zum Beispiel die von ihrem ehemaligen Mitarbeiter Junya Watanabe, der heute bereits ein Fixstern am Modehimmel ist.

 

Leidenschaft und Geschäftssinn

Bekennende CDG-Fans wurden dank ihren weiten, ausschließlich schwarzen Outfits von der Presse mehr oder weniger liebevoll „die Krähen“ genannt, und ihre avantgardistische Herangehensweise wurde schon bald als die Uniform Intellektueller verschriehen. Dabei war genau das Gegenteil Kawakubos großes Anliegen. Dem Interview Magazine erzählte sie einst: „Für mich gibt es keine rein intellektuelle Herangehensweise. Sie ist viel simpler als das. Alles was ich erschaffe, soll einfach nur meinen eigenen Anspruch an Schönheit und Stärke genügen. Und das ist das fertige Kleidungsstück für mich dann auch. Wie es für die Anderen aussieht, müssen sie selbst entscheiden.“ Und „die Anderen“ finden Gefallen an jeder weiteren Kollektion, denn seit den Anfängen der Marke wuchs sie auf über 20 Sub-Marken. Comme des Garçons macht einen geschätzten Umsatz von über 220 Millionen Dollar pro Jahr und das obwohl – oder gerade weil? – die Frau dahinter immer nur auf ihre eigene Intuition hörte, ob in kreativen oder kommerziellen Belangen.

 

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Rei Kawakubo Art of the In-Between
© The Metropolitan Museum of Art

Man könnte es also als paradox bezeichnen, dass diese durch fast untragbare Kleidung berühmt gewordene Marke eine kommerziell durch und durch erfolgreiche und wachsende ist. In den Stores ist das, was auf den Runways zu sehen ist allerdings so gut wie nie zu finden. Derartige Entwürfe sind natürlich nicht gerade das, was die breite Masse gerne im Kleiderschrank hängen hat. Deswegen führte man auch die aus Basics bestehende Linie „Play“ ein, die durch ihr Logo ebenfalls einen hohen Wiedererkennungswert hat. Das Herz mit Augen wurde vom polnischen Künstler Filip Pagowski entworfen, der dafür nach eigener Aussage nur einen einzigen Versuch benötigte.

 

Ein ewiger Mythos

Rei Kawakubos Kollektionen sind oft schwer zu verstehen und manches Konzept erfordert eine sehr intensive Auseinandersetzung mit den Themen, die sie bearbeitet. Manchmal strahlen sie auch eine gewissen Art Komik aus (die Japanerin besitzt angeblich einen äußerst trockenen Sinn für Humor). Gerade deswegen, und wahrscheinlich auch wegen der daraus resultierenden Kontroversität, sind sie bis heute ein Spektakel geblieben, das provoziert und berührt. Kein Entwurf aus ihrer Hand lässt kalt. Nie würde Kawakubo auf die Idee kommen, sich selbst am Ende der Show dem Publikum zu präsentieren und auch Porträts von ihr sind sehr rar. Ihr Einfluss hat die Art, wie wir Mode betrachten, tragen und kaufen, für immer verändert. Und jetzt, mit 74 Jahren, ist sie immer noch der Kopf einer Marke, die sich zu einem weltweiten Konzern entwickelt hat. Doch sie wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass dies ihre letzte Kollektion gewesen sein könnte. Vielleicht trägt ja auch dies dazu bei, dass jede ihrer Shows mit einer gewissen Ehrfurcht betrachtet wird. Durch das Met Museum bekommt Kawakubo nun ihren verdienten Ritterschlag.

 

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Die Ausstellung „Rei Kawakubo/ Comme des Garçons: Art of the In-Between“ ist noch bis 4. September 2017 im Met Museum New York zu sehen.

www.metmuseum.org

Georgia O’Keeffe – Jimson Weed/White Flower No. 1

Pioniergeist: Die Kunst von Georgia O’Keeffe

Role Model als unabhängige, emanzipierte Künstlerin, Vorkämpferin für die Rechte von Frauen, Ikone: Prädikate, die die Künstlerin Georgia O’Keeffe Zeit ihres Lebens aufgestempelt bekam. Klingt doch eigentlich sehr positiv, oder? Die Künstlerin selbst sah das ganz anders und das aus ziemlich nachvollziehbaren Gründen. Eines war sie aber in jedem Fall, sie war DIE Pionierin der amerikanischen Moderne.

 

Myron Wood – Portrait of Georgia O’Keeffe with sculpture and painting, 1980. @Pikes Peak Library District, 002-9152
Myron Wood – Portrait of Georgia O’Keeffe with sculpture and painting, 1980. (c) Pikes Peak Library District, 002-9152

Georgia O’Keeffe (1887–1986) zählt neben Frida Kahlo bis heute zu den wohl berühmtesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Werke sind auf die wichtigsten US-Museen und Sammlungen verteilt und gelten dort als Besuchermagnete. Und trotzdem: ihre Werke in Europa zu sehen ist eine wirklich rare Gelegenheit – in Österreich zum Beispiel war sie bislang sogar noch nie ausgestellt. Gründe genug, die O’Keeffee Ausstellung im Kunstforum Wien noch schnell einen Besuch abzustatten. Nur noch bis 26. März, also nur noch diese Woche sind die raren Gemälde im Ausstellungshaus auf der Wiener Freyung zu sehen.

Das Bank Austria Kunstforum Wien zeigt dabei die bisher größte O’Keeffe-Ausstellungstour außerhalb der Vereinigten Staaten. Mit der Präsentation von 85 Werken, 60 Fotografien und insgesamt 50 Leihgebern bietet die Ausstellung auch gleich die beste Möglichkeit, ihr malerisches Werk vollständig kennenzulernen. Unter den ausgestellten Werken befindet sich auch „Jimson Weed/White Flower No. 1“ (1932), das mit  41,84 Millionen Euro teuerste Bild, das jemals von einer Künstlerin versteigert wurde. Man glaube mir, mit diesem Vorwissen, sieht man dieses Bild gleich mit anderen (ein bisschen ehrfürchtigeren) Augen. Noch dazu ist es wunderschön und strahlt eine gewisse Heiterkeit aus, wenn man davor steht. Vermutlich konnte ich deshalb auch nicht wiederstehen und mir im Museumshop gleich den Kunstdruck davon gekauft.

 

 

Aber jetzt erst mal zur Frau hinter den Gemälden.

Georgia O’Keeffe, die 1887 auf einer Farm in Wisconsin geboren wurde und 1986 im Alter von 98 Jahren zurückgezogen in New Mexico starb, erlebte ihr künstlerisches Debüt in New York, wo sie erstmals 1916, also vor hundert Jahren, in der Galerie 291 ausstellte. Dieses damals wichtigste Forum der europäischen Avantgarde wurde von dem Fotografen Alfred Stieglitz geleitet, der später auch ihr Ehemann werden sollte.

 

Georgia O’Keeffe – Black Mesa Landscape, New Mexico / Out Back of Mari’s II, 1930. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht Wien
Georgia O’Keeffe – Black Mesa Landscape, New Mexico / Out Back of Mari’s II, 1930. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht Wien
Georgia O’Keeffe – Oriental Poppies, 1927. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Georgia O’Keeffe – Oriental Poppies, 1927. © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien

Im Umfeld des von Männern dominierten Sozialen Umfeld ihres Mannes beteiligte sich O’Keeffe als eine der ersten Künstlerinnen aktiv an der Begründung der amerikanischen Moderne und wirkte als solche wegweisend für nachfolgende Generationen an Künstlerinnen und Künstlern. Außerdem machte sie sich als Mitglied der National Women’s Party für die Rechte von Frauen stark. Erneut ein mutiger Schritt und ein Beweis für großen Mut. Denn in der damaligen Zeit, in der die Schriften von Sigmund Freud sehr populär waren, war auch ihr Ehemann überzeugt davon, dass „die Frau die Kraft ihrer Kunst aus dem Schoß bezieht“. Tja.. Natürlich unterstützte und bewarb er die Kunst seiner talentierten Frau, die Beiden führten schließlich eine sehr glückliche Beziehung. O’Keeffes Werk wurde somit aber zum Inbegriff des „Weiblichen“ abgestempelt. Ein Prädikat, das natürlich nichts negativen an sich hat, der Künstlerin jedoch ziemlich gegen den Strich ging. Sie wollte nicht einer eigenen Kategorie angehören sondern sich stattdessen unter den anderen Künstlern durchsetzen und strebte daher lieber Gleichberechtigung an. Auch Stieglitz’ erotische Aktfotografien von O’Keeffe bewirkten ähnliches: sie machten die Künstlerin zur Ikone der Roaring 20s und gaben ihr noch mehr Auftrieb. Man könnte jetzt denken: Sex sells. Wenn man die Fotografien aber betrachtet, fällt schnell auf, dass diese von Stärke, Würde und Selbstsicherheit nur so strotzen. Sie verwehrte sich fortan ein Leben lang gegen die sexualisierte Gesellschaft, die ihre Kunst oft und gerne als „weibliche“ Kunst einstuften.  Auch ihrer Rolle als Galionsfigur der feministischen Kunst in den 70er Jahren war sie nicht ganz zugetan.

Men put me down as the best woman painter… I think I’m one of the best painters.“

 

 

O’Keeffes monumentale, die Pop Art ankündigenden Blumenbilder der 1920er- und 1930er-Jahre zählen zu den populärsten Werken ihres Œuvres. Mit ihren Knochendarstellungen in der Wüste des amerikanischen Südwestens, die Nahblick und Fernsicht, Monumentalität und Intimität verbinden, lieferte O’Keeffe ab den 1930er-Jahren schließlich nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Stilllebenmalerei, sondern auch zur Begründung einer amerikanischen, landschaftsbasierten Ikonografie überhaupt.

 

„I found I could say things with color and shapes that I couldn’t say any other way.. things I had no words for.“

 

Georgia O’Keeffe – From the Faraway, Nearby, 1937. The Metropolitan Museum of Art, New York © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien
Georgia O’Keeffe – From the Faraway, Nearby, 1937. The Metropolitan Museum of Art, New York © 2016 Georgia O’Keeffe Museum/Bildrecht, Wien

 

Angeboten werden bis zum 26. März auch noch Specialführungen, u.a. zum Thema „Frauenkunst? Georgia O‘Keeffe als Ikone feministischer Künstlerinnen“. Infos findet ihr unter kunstforumwien.at.

Die Kunst der Provokation – die Welt von Hussein Chalayan

Ein Name, den ihr kennen solltet: Der Modedesigner und Konzeptkünstler HUSSEIN CHALAYAN arbeitet mit verwesendem Stoff, macht Möbel tragbar und lässt Kleider sich am Laufsteg wie von Zauberhand verwandeln. Wenn ihr seine einzigartigen Werke noch nicht kennt, dann wird es höchste Zeit! Ein genauerer Blick auf den Ausnahme-Künstler.

 

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Ein Model betritt den Laufsteg. Bis auf Sandalen ist sie völlig nackt. Nur ein kleines Stück Tuch bedeckt ihr Gesicht und macht sie trotz völliger Blöße anonym und eigenartig fremd. Der schwarze Stoff verlängert sich mit jedem weiteren Model, lange bleibt der Schambereich entblößt, während das Gesicht immer verdeckt bleibt. Am Schluss wird klar, dieser schwarze, die Identität-verhüllende Stoff stellt eine Burka dar. Eine Kollektion, die die Grenzen zwischen Fashion Show und Kunst Performance verschwimmen ließ und deren politisches Statement noch lange nachhallen sollte. Völlig entblößt und doch vollkommen anonym durch ein einziges Stück Stoff vor dem Gesicht. Bringen wir unsere Persönlichkeit mit Mode und Stil wirklich zum Ausdruck oder verstecken wir uns eher hinter ihr?
Hussein Chalayan, Designer mit komischem Namen, Unternehmer und Konzept-Künstler. Ein Liebhaber der schönen Künste, der die Themen auf den Laufsteg bringt, die die meisten Designer nicht mal mit Samthandschuhen anfassen würden. 1970 im türkischen Teil der Insel Zypern geboren, musste er sich den Traum, seine Kreativität ausleben zu dürfen hart erkämpfen. Ärzte oder Posten in der Wirtschaft, das sah man damals in Zypern als anständige, ehrenhafte Berufe. Irgendwann überzeugte er dennoch seine Eltern und studierte am renommierten Central Saint Martins College of Art and Design in London. Noch während seines Abschlussjahres erregte er mit seinen gewagten, sozialkritischen Entwürfen Aufsehen. Immer wiederkehrende Themen des Wahl-Londoners sind Fragen nach kultureller Identität, Entwurzelung und Migration, denn auch seine eigene Geschichte ist von verschiedenen Kulturen geprägt. Chalayan hält regelmäßig Vorlesungen über sein Werk und hatte Ausstellungen in internationalen Museen in London, Kyoto, Paris und New York. Seine Ideen beschäftigen sich nicht nur mit Mode, sondern auch mit Geschichte, Politik, Architektur und Kunst. Schon immer war seine Auffassung von Mode mehr Gaudí als Gucci, mehr Dali als Dior. Und das in einer Zeit, in der sich Modedesigner eher auf den sicheren Pfad begeben und der Verkauf der Produkte wichtiger ist, als der kreative Prozess. Das Konzept, welchem die meisten Labels folgen, heißt Gewinn, und dafür müssen die Entwürfe so kommerziell wie möglich sein. Ein Konzept, dem auch das Label Chalayan folgen muss, ihm aber nicht völlig unterliegt.
Von der ersten Kollektion, in der Seidenkleider gezeigt wurden, die davor begraben und exhumiert wurden, bis zur Herbst/Winter 2000 Kollektion „After Words“, die die Grenzen zwischen Vernissage und Modenschau verschwimmen ließ – seine Shows sind in Kritikerkreisen legendär. Auch wenn letztere bereits 15 Jahre zurück liegt, hat sie sich als Symbolbild seines Schaffens in die Köpfe der Modeaffinen gebrannt (und wurde bejubelt wie das große Finale eines Rockkonzerts):

In einer Art Wohnzimmer, das den Catwalk darstellte, begannen Models die Stoffe von Sofas und Sesseln abzuziehen und verwandelten diese in beeindruckende, durchaus tragbare Kleider. Der Rest der Möbel wurde zu Koffern zusammen geklappt und davon getragen. Für das Finale stieg eines der Models in das Loch in der Mitte eines Couchtisches, der bis dahin Zentrum einer Sitzecke auf dem Laufsteg gewesen war. Ganz langsam zog sie den Tisch in Richtung Hüfte, befestigte ihn und begann, auf und ab zu gehen. Aus einem unscheinbaren, hölzernen Tisch war ein Rock geworden. Thematisiert wurde damit die steigende Anzahl an Flüchtlingen und das Grauen, all sein Hab-und Gut – und so auch die Möbel – zurücklassen zu müssen. Eine Thematik, die heute für uns leider alltäglich ist, machte er damals schon zum Thema. Auch wenn man sich von so materiellem wie der Einrichtung trennen muss, trennt man sich automatisch auch von einem kleinen Teil seiner Selbst, kommentierte der Designer damals. So etwas hatte die Modewelt noch nicht gesehen, und der Schöpfer dieser erstaunlichen Verwandlung von Möbel- in Kleidungsstück war über Nacht das neue, zukunftsweisende Genie des Laufstegs. Ab diesem Zeitpunkt durften man sich sicher sein: das war nicht der letzte Hase, den er aus dem Hut zaubern würde.

 

Kleider, die sich mit einem Ruck an der richtigen Stelle plötzlich in Farbe und Form verwandeln, Hüte, die eigentlich gar keine sind und ethnische Konflikte, erzählt nur durch einen Entwurf. Ein Hauch von Magie umgibt seine Welt. Für „Ambimorphous“ präsentierte er traditionelle Tracht, an die seines eigenen Geburtslandes angelehnt. Nach und nach, begann ein dunkler Stoff die farbenfrohe Folklore, scheinbar aus der Mitte des Körpers ausgehend aufzufressen. Wie ein Parasit, der sich mehr und mehr ausbreitet und das Alte mit dem am Schluss gezeigten, modernen schwarzen Mantel, komplett ersetzt. Eine Studie kultureller Veränderung, gebannt in Stoff, die Fragen nach Identität, Geschichte und Heimat in den Raum stellt.



Da liegt natürlich eine Frage nicht allzu fern: Braucht man denn sowas? Die Antwort der meisten wäre wohl ein klares nein. Zumal dem Designer schon vom ein oder anderen Spießer vorgeworfen wurde, die meisten seiner Entwürfe wären nicht tragbar. Eine Antwort, die Mr Chalayan wohl egal wäre, denn für experimentier- faule sind seine Designs ja sowieso nicht gedacht. Wer weiß, vielleicht legt er es gerade darauf an, ein bisschen mehr Aktion, mehr Überraschung und mehr Staunen in das (Mode)Leben der breiten Masse zu bringen. Ein kleiner Revoluzzer, das war er ja schon immer.
Mit 45 Jahren kann Hussein Chalayan bereits auf unzählige Auszeichnungen zurückblicken, darunter auch die, für sein Lebenswerk. Gerechtfertigt, wenn man auf sein vielseitiges Schaffen zurückblickt. Mit seiner Arbeit will er nach eigener Aussage blinden Flecken eine Gestalt geben, dem Betrachter Dinge zeigen, die er zwar sieht, aber nicht wirklich wahrnimmt. Eine Haltung, die die Idee und die Message hinter der Kleidung in den Vordergrund stellt und sich nicht nur vom kommerziellen Gedanken leiten lässt. Mit Beginn des Wintersemesters 2014/15 übernahm er, der selbst bereits in allen Mode-Lehrbüchern der Welt zu finden ist, die Leitung der Modeklasse an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Man darf also in Zukunft auch vom österreichischen Modenachwuchs einiges erwarten, vielleicht sogar ein bisschen Magie.

 

 

(Credits: Youtube, Beitragsbild: Youtube-Screenshot)