Als 500 Würmer bei mir einzogen

Es gibt einige Dinge, die mir mein früheres Ich niemals glauben würde. Dass ich meine Haare mit Essig wasche zum Beispiel. Oder dass ich nicht mehr gerne shoppen gehe. Aber am wenigsten würde die 5 Jahre jüngere Jenni mir wohl glauben, dass in meiner Küche nun 500 – 1000 Würmer wohnen und meine Bioabfälle kompostieren. Da würde sie vor Ekel vermutlich zusammenzucken.

Und so war’s dann ehrlich gesagt auch, als ich Anfang des Jahres meine Wurmkiste per Post erhielt, samt ihrer Einwohner. Ich schüttete die Würmchen (Verwandtschaft der Regenwürmer, übrigens) in die Holzkiste und machte erst einmal „iiieh“. Kindisch, ich weiß. Aber Krabbeltiere, vor allem aber alles, was nach Wurm oder Raupe oder Made aussieht, fand ich immer schon ekelhaft. Aber ich hatte es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, unsere Bioabfälle mithilfe dieser natürlichen Kompostmethode zu verwerten, also musste ich da durch. Und wisst ihr was? Unsere Beziehung verbesserte sich. Denn wenn ich sie nüchtern betrachtete und den anerlernten Ekel beiseite ließ, dann ist absolut nichts an ihnen, vor dem mir grausen musste. Sie sind sogar recht niedlich und vor allem: nützlich.

Ich entschied mich, meine Wurmkiste gleich fertig von einem österreichischen Unternehmen zu kaufen. Den Preis von knapp 300 Euro fand ich nach längerer Recherche fair – man wird transparent über die Kosten der Einzelteile und der Produktion informiert und erhält Support, wann immer man ihn braucht. Die Kiste kommt fixfertig an, der Versandkarton stellt gleich die erste Mahlzeit der Würmer dar. Man weicht ihn in Wasser ein und lässt die neuen Haustiere dann zwei Tage lang in Ruhe – sie müssen sich von der Reise erholen.

Ich habe mich dafür entschieden, weil ich meine Zero Waste Goals noch weiter vorantreiben wollte und man in einem normalen Haushalt viel zu viel Müll verschwendet, der eigentlich kompostierbar wäre. Der Bioeimer aus Plastik war mir immer ein Graus. Der Wurmkomposter hat dagegen nichts mit Schimmel und Gestank zu tun, ganz im Gegenteil. Ob ihr es glaubt oder nicht, der Kompost riecht dort drinnen nach nassem Waldboden. Der Grund dafür ist, dass die Luft in der Holzkiste zirkulieren kann und die Bakterien und mikroskopisch-kleinen Helfer, den die Würmer mitbringen, keine Schimmelbildung zulassen. Alles wird sauber und natürlich zersetzt – und das fand ich wunderschön.

Da sie weder riecht noch unhygienisch ist, durfte die Wurmkiste anfangs in unserer Küche stehen, was natürlich praktisch war, um Obst- und Gemüsereste gleich zu entsorgen. Immer griffbereit, ein paar Zeitungen, denn Papier sollte ein wichtiger Bestandteil des Komposts sein. Nach dem Einzug unserer Katze, wanderte sie aber in die Speisekammer, um Platz für die Futternäpfe zu machen. Unser Mistkübel ist seitdem übrigens viel seltener voll und stinkt merklich weniger.

Ein typisches Wurmmenü besteht bei uns aus Tee und Teebeuteln, Obst- und Gemüseresten, Kartons, „Plastik“ sofern es biologisch abbaubar ist, kompostierbaren Putzschwämmchen, Zeitungen, leeren Klopapierrollen und natürlicher Zahnseide. Es sollte alles kurz kleingehakt bzw. kleingeschnitten werden, da es Platz spart und viel schneller von den Bewohnern der Kiste verwertet werden kann.

Besonders wichtig sind dabei die trockenen Teile, also Zeitungsschnipsel und kleingeschnittene Kartons. Sie sorgen dafür, dass das Ganze nicht zu feucht wird. Kaffeesatz vertragen sie übrigens auch, allerdings nicht mehrmals täglich, da er den PH-Wert zu stark verändert. Die Würmer freuen sich außerdem über ein wenig Mineralstoffpulver, das gleich mitgeliefert wird.

Was sie gar nicht mögen: Zitrusfrüchte und tierische Produkte – aber die kommen bei uns sowieso sehr selten vor. Die Ausnahme stellen Eierschalen dar, ebenfalls so klein wie möglich zerbröselt.

Mich fasziniert besonders, dass in diesem kleinen Ökosystem alles prächtig zu gedeihen beginnt. Ich finde ständig ausgetriebene Samen und konnte sogar ein Avocado- sowie ein Mangobäumchen aus den Kernen ziehen, die ich zufällig darin fand! Kein Wunder, denn die Würmer verwandeln ihr Essen in wertvollen Hummus, den man 1-2 Mal im Jahr „ernten“ kann. Am Boden der Kiste ist außerdem eine Stoffmembran, die die Flüssigkeiten durchlässt. Sie mündet in einer Auffangschale, in der sich dieser hochkonzentrierte, wertvolle Flüssigdünger dann sammelt. Mit dem Wort „Wurmtee“, den das Unternehmen gerne nutzt, kann ich mich allerdings bis heute nicht ganz anfreunden. Bei mir hat es erst nach gut 5 Monaten geklappt, doch dann war ganz plötzlich die ganze Schale voll mit der braunen Flüssigkeit, die auch recht geruchlos ist. Meine Zimmerpflanzen wachsen seit dem Wurmdünger wie wild!

Aber auch wenn’s noch so schön klingt, die Wurmkiste hat auch einen Nachteil: Mücken. Ich habe Mücken noch nie so hassen gelernt wie in diesem Jahr, denn zeitweise waren sie eine biblische Plage. Denn natürlich gedeihen nicht nur Samen wie wild in der Kiste, sondern auch Obstmücken, und die vermehren sich explosionsartig. Sie stellen keine Bedrohung dar, sind aber nervig, wenn sie ständig in der Wohnung herumschwirren. Sie haben außerdem ein Talent dafür, einem genau vor dem Gesicht herumzufliegen. Ich konnte Trauermücken bereits mit ein wenig Nehmöl bekämpfen, das man im Fachhandel bekommt (Bellaflora, Nadlinger, Hornbach etc.). Obstmücken konnte ich mit Fallen aus Schüsseln mit Essig, Wasser und einem Tropfen Spülmittel besiegen. Doch die letzte Plage verfolgt mich nun schon seit Monaten, in denen ich die Kiste immer wieder auf den Balkon gestellt und sie regelmäßig ausgelüftet habe. Vielleicht war es eine neue Art von Mücken, vielleicht habe ich in der Kiste aber auch eine Art Trauer-Obst-Mücken-Hybrid erschaffen, für den ich einen hoch-dotierten Biologiepreis erhalten müsste – Jedenfalls war es furchtbar nervig.

Andererseits lernte ich auch vieles aus den Wochen mit dem Kopf in der Wurmkiste. Wie sich der PH-Wert auswirkt zum Beispiel. Zu viel Kaffee und Obst = zu sauer und feucht = mehr Mücken. Je mehr Karton und Zeitung, desto trockener, desto weniger Mücken. Wie man am Geruch des Inhalts erkennt, ob alles okay ist. Wie schnell sich die Würmer vermehren und wie ihr Nachwuchs aussieht. Welche Dinge sich wie schnell oder wie langsam zersetzen und wie sie dabei aussehen. Und ich lernte Geduld. Denn irgendwann war auch die Mückenplage verschwunden, fast wie von allein.

Wenn ihr noch weitere Fragen zum Thema habt, stellt sie gerne in den Kommentaren und ich beantworte sie!

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