Triest: Auf den Spuren des Kaffees

Was passiert mit euch, wenn ihr das Wort Kaffee hört? Steigt euch ein Duft in die Nase? Wird euch warm ums Herz? Assoziiert ihr es mit Gemütlichkeit, einem heimeligen Gefühl? Dann geht es euch wie mir. Ich trinke recht selten Kaffee und höchstens einen pro Tag. Aber wenn, dann trinke ich ihn mit guten Freunden, sonntags im Pyjama mit meinem Partner oder allein, in der Zeitung blätternd in einem von Wiens wunderschönen alten Kaffeehäusern. Viele von euch werden bestimmt auch gleich an ein Land denken: Italien. Wo sonst ist man so versessen auf den perfekten Espresso?  Die Hauptstadt des „braunen Goldes“ ist aber weder Rom, noch Mailand, sondern eine Hafenstadt an der slowenischen Grenze. Triest, das einst zu Österreich gehörte, Sehnsuchtsort vieler Dichter und Literaten, durch dessen Straßen im Winter die Bora-Winde wehen. Der Ire James Joyce (Ulysses) lebte und lehrte hier und flaniert heute sogar in Bronze gegossen über die Brücke des Canal Grande. Hier hin durfte ich vor einiger Zeit eine berufliche Reise unternehmen und in die Welt des Kaffees eintauchen, inklusive ein paar Lehrstunden an der internationalen Kaffeeuniversität. Reisen wir gemeinsam zurück:

Bevor das offizielle Programm losgeht, habe ich noch einen halben Tag, an dem ich durch die wunderschöne Innenstadt flanieren kann, die von Prachtbauten gesäumt ist. Ich schlendere ziellos durch die Gassen, esse ein Stück Pinza ( – das köstliche Germgebäck ist bei uns als Osterpinze bekannt) am Hafen und komme schlussendlich mitten im Paradies an. Denn gleich am Hafen befindet sich eine große Filiale der Kette Eataly, die ausgewählte Produkte aus ganz Italien führt. Hier merkt man richtig, dass Essen für die Italiener einfach das Größte ist. Verkäufer schneiden ihren Käse („Das müssen Sie kosten!“) mit Hingabe, wickeln einen Laib Ciabatta („Hier, kosten Sie ein Stück!“) in Papier, als ob es ihr eigenes Kind wäre und reden über die Beschaffenheit von getrockneten Tomaten („Bitte, das müssen Sie probieren!“), als ginge es um das Wandfresko der Sixtinischen Kapelle. Ist man in Italien, wird Essen zur Religion. Mit vollem Bauch geht es also zurück ins Hotel, vorbei am lebendigen Nachtleben, das sich hier in fast jedem Gässchen tummelt und auch um halb 10 Uhr abends nicht vor einem letzten Espresso zurückschreckt.


Der nächste Tag startet für mich mit Tee – in weiser Voraussicht, dass mich noch genug Cappuccino und Co. erwarten wird. Unser Grüppchen trifft sich mit Pierpaolo Segrè von der Università del Caffè, der uns durch die Kaffee Hotspots der Stadt führen wird. Gleich wenige Schritte danach, finden wir uns auch schon im ersten Stopp wider, dem Café Viezzoli, ein gut frequentiertes Ecklokal, das vor allem bei Einheimischen beliebt ist. Ein kurzes Handzeichen von Pierpaolo genügt und in Windeseile steht ein heißer Nero vor uns, wie man den Espresso hier gerne nennt. Aber auch ein schlichtes „Caffè!“ sorgt dafür, dass sich der Barista hinterm Tresen auskennt.

Wer einen Cappuccino bestellt, outet sich jedoch gleich als Nicht-Triester. Denn hier trinkt man den stärkeren Capo-in-B, der dem Milchschaumgetränk ähnlich ist, aber immer im kleinen Glas mit braunem Schaum serviert wird. Bestellt man hier einen Cappuccino, erhält man das, was andernorts ein Macchiato in der kleinen Tasse wäre. Ich merke langsam, Triest hat seine Eigenheiten, was sich vielleicht auch durch die bunte Historie erklärt. Triest ist die mitteleuropäischste Stadt Italiens und an vielen Ecken ist die Verbundenheit zu Österreich noch immer präsent. Auch vernehme ich überdurchschnittlich oft den eigenen Dialekt – anscheinend gilt die Stadt am Meer immer noch als Außenkorrespondenz und beliebtes Reiseziel der ÖsterreicherInnen.

Doch die verblüffend ähnliche Inneneinrichtung mancher Kaffeehäuser täuscht: Hier bestellt man besser keine Melange. Seinen Caffè trinkt man hier heiß, schnell und im Stehen. Unvorstellbar ist es, sich für eine Tasse stundenlang Zeit zu lassen und dabei gar noch zu sitzen. Denn Sitzplätze werden hier extra verrechnet und die Milch übertüncht nur das herrliche Aroma des Espresso. Einzig die Crema kommt dem Triester in die Tasse. Diese sollte übrigens 10% des Espressos ausmachen und mindestens 2 Minuten intakt bleiben. Allerdings ist sie kein Zeichen für die Qualität des Kaffees, sondern zeigt lediglich, dass er fachgerecht zubereitet wurde – mit 9 bar Druck, 30 Sekunden lang. Auch das obligatorische Glaserl Wasser ist für Pierpaolo ein Frevel: „Man trinkt nur Wasser nach dem Kaffee, wenn er schlecht war und man den Geschmack vertreiben will.“ wirft er lächelnd ein. Zehn Minuten sind vergangen, da geht es auch schon zum nächsten Kaffee-Hotspot – und zum nächsten und zum nächsten.

Mit leichten Kreislaufproblemen von den vielen Kaffeeproben, schaffe ich es doch noch, dem Experten, der übrigens in der ganzen Stadt freudig mit Namen begrüßt wird, einige Fragen zu stellen. Was er eigentlich von Starbucks und Mc Donalds hält, will ich von ihm wissen. „Die Qualität ist nicht schlecht, es ist Kaffee für Anfänger, würde ich sagen. Es gibt uns Italienern nichts, da dahinter nur eine riesige Industrie steckt, und kein Familienbetrieb.“ Famiglia – das steht in Italien immer noch im Vordergrund. Und auch unser Tourguide achtet sichtlich auf das Wohlergehen seiner Schäfchen. Warum ich zittere, will er beispielsweise wissen. Nun, vielleicht sind ja die mittlerweile fünf Kaffeeproben Schuld – wer weiß, Pierpaolo, wer weiß.

Am Weg zum nächsten Stopp klärt Pierpaolo die Gruppe leidenschaftlich und herzhaft gestikulierend über Mythen auf: Keinesfalls darf man glauben, Espresso sei die stärkste Sorte. Durch den hohen Druck mit dem Wasser durch das Kaffeepulver gepresst wird, kommen viel mehr aromatische Öle durch den Filter, das macht ihn lediglich zur aromareichsten Zubereitungsart. Damit Koffein sich entfalten kann, braucht das Wasser möglichst langen Kontakt mit dem Kaffeepulver, ähnlich also wie beim Tee. Will man möglichst starken Kaffee trinken, sollte man daher auf Filterkaffee wie Mocca oder das Trendgetränk Coldbrew setzen.

Apropos, genau so einer steht bald darauf vor meiner Nase – das mittlerweile sechste koffeinhaltige Getränk an diesem noch jungen Tag. Wir sind in einem der trendigsten Cafés der Stadt, dem Nero in B und testen Filterkaffee, der in einer sogenannten Chemex-Kanne mit sehr viel Geduld und Liebe zubereitet wird. „Die meisten Zubereitungsarten, die jetzt trendy werden, sind eigentlich schon uralt.“ sagt Pierpaolo und blickt mit einigem Missmut auf seinen eisgekühlten Coldbrew. „Ich bin aber ein Purist.“ Für ihn, so sagt er, sei der Espresso der beste Ausdruck des Kaffees. Wie viel er am Tag davon trinkt, da habe er den Überblick verloren. Eine zweistellige Zahl dürfte es aber bestimmt sein. 10-12 Espressi am Tag, das dürfte eine Normalität sein in Italien. „Kaffee beschwingt mich, gibt mir Energie und Lebensfreude“, kontert der Experte meinen besorgten Blick. Immerhin, viele große Kreative unserer Zeit haben ihre besten Erfindungen im Kaffeehaus erdacht und nicht in einem Büro mit einem Becher Kamillentee.

Zugegeben, als ich um 2 Uhr nachts noch hellwach im Bett liege und gedanklich die gesamte Herr der Ringe Trilogie nachspiele, fühle ich mich nicht sonderlich kreativ, freue mich aber bereits auf den kommenden Tag, an dem ich die Schulbank drücken darf.

Wie schon erwähnt, beherbergt Triest die weltweit erste Kaffeeuniversität. Von Francesco Illy initiiert, werden hier noch heute 25.000 Studenten pro Jahr aufgenommen, die eine Ausbildung in den Bereichen Kaffee-Experte, -Spezialist, -Management oder Gourmet Creativity absolvieren. Auch Kaffeeliebhaber können es den 25.000 Studenten im Jahr gleichtun und hier Kurse belegen. 15€ zahlt man für den kürzesten, achtstündigen Kurs, vier Tage/ 32 Stunden dauert der längste. Neben vielen anderen Dingen, lernen wir auch mehr über die besondere Aromatik, die in einer Bohne, bzw. in der fertigen Röstung steckt.

Jede Kaffeerösterei hat ihr ganz individuelles Aroma, man kann aber sagen, dass sich die meisten aus einer ausgewogenen Mischung aus Bestandteilen wie Fruchtigkeit, Bitterkeit, Karamell, Schokolade, Mandel- oder Honigaroma sowie dem Aroma von geröstetem Brot zusammensetzt. Ich darf mich durch das Aromakit schnüffeln, das eigens von der Universität in Zusammenarbeit mit einem Meisterparfumeur entwickelt wurde. Es besteht aus 16 verschiedenen Aromen, die in Kombination den idealen Kaffeeduft ergeben sollen. Den soll ich nun auch in dem Tässchen Filterkaffee erschnüffeln, der plötzlich dampfend heiß vor mir steht – der dritte an diesem Vormittag. Vielleicht stellt es mir deshalb gleich beim ersten Geruchstest die Haare im Nacken auf. Vielleicht aber auch, weil ich merke, wie wenig ich in der Lage bin, auch nur eines dieser Aromen heraus zu riechen. Naja, immerhin ist es mein erster Tag an der Kaffeeuni.

Was wir in den folgenden Stunden geboten bekommen, ist eine Fülle an faszinierenden Informationen und Fakten rund um das Thema Kaffee. Wir erfahren, wie viel Arbeit in so einer kleinen Tasse voll brauner Flüssigkeit steckt, dass ungefähr 50 Bohnen (7Gramm) in einem Espresso stecken, dass nicht die Italiener, sondern die Skandinavier Rekordhalter im Kaffeekonsum sind oder was einen perfekten Cappuccino ausmacht. Bei letzterem ist vor allem der Schaum das A und O. Nicht trocken und brüchig darf er sein, sondern cremig und dick. Mit Hilfe unseres Professors gelingt sogar mir eine einigermaßen ansehnliche aber zugegeben sehr dickliche Tulpe auf dem Cappuccino, der so cremig und perfekt aussieht, dass ich nicht anders kann als ihn auch noch zu trinken.

Die letzten Stunden meines Aufenthaltes verbringe ich mit hochgelagerten Beinen im Bett meines Hotelzimmers und erinnere mich an die Worte unseres Kaffee-Professors: „Guter Kaffee ist reinste Musik. Es geht immer um die perfekte Balance zwischen Bitterkeit und Säure. Die Bohnen sind die Instrumente, die Röstung ist die Symphonie.“ Und tatsächlich, in meinem Kopf, da summte es gewaltig.

Die besten Cafés laut unserem Tourguide Pierpaolo:

Tommaseo: Piazza Tommaseo 4/C. Seit 1830 – Zwar eher touristisch, es zählt aber zu den schönsten und erinnert sehr an ein traditionelles Wiener Kaffeehaus. Hier kann man auch gut essen.
Viezzoli: Via Cassa di Risparmio 3 – Ein Ecklokal, in dem man auch ausgezeichnetes Gebäck kaufen kann. Stammlokal vieler Triester für den morgendlichen Espresso.
Nero in B: Via Cadorna 21/A – Modernes Café in ruhiger Lage mit heimeliger Atmosphäre. Das junge Publikum trinkt hier vorzugsweise Cold Brew und Chemex Filterkaffee.
Eppinger: Via Dante 2 & Piazza San Giovanni – Ein alteingesessenes Café, das auch traditionelle Triester Desserts wie Krapfen, Kranza, Pinza oder Presnitz anbietet.

4 Gedanken zu “Triest: Auf den Spuren des Kaffees

  1. Hey liebe Nicole! Danke dir für deinen lieben Kommentar 🙂 Wenn man sich mit dem Thema Kaffee näher beschäftigt, merkt man erst, was für eine kostbare Sache das ist. Schlechter Kaffee verdirbt da also echt viel. Ich bin deshalb ganz bei dir, Kaffee sollte man feiern und wirklich genießen! Vielen Dank für den Tipp, in Düsseldorf war ich noch gar nie, aber die nächste Reisezeit kommt bestimmt irgendwann! 🙂 Ganz liebe Grüße, Jenni

    Liken

  2. Liebe Johanna, das freut mich aber sehr! Danke für die lieben Worte 🙂
    Als ich dort war, hatte ich leider kaum Zeit für Fotos. Es freut mich umso mehr, dass die gut ankommen! Es ist definitiv einen Kurztrip wert, immerhin kann man auch locker mit dem Zug hinkommen! Ganz liebe Grüße, Jenni

    Liken

  3. Was für wundervolle Bilder zu einem gelungen Beitrag! Kaffee ist für mich auch äußerst wichtig. Ich habe eine weile gebraucht, bis ich den perfekten Kaffee in Düsseldorf gefunden habe. Dir als Kaffeespezialist möchte ich die Kaffeerösterei Vier wärmsten empfehlen. Derzeit bin ich super froh, dass sie auch online liefern….
    LG Nicole

    Gefällt 1 Person

  4. Wow, was für wunderschöne (!) Fotos, die deinen Beitrag perfekt ergänzen. Bis heute hatte ich Triest noch nie auf meinem Radar, aber als Kaffeeliebhaberin ist das vielleicht wirklich mal eine Reise wert. Danke für den Tipp. 🙂

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s