Lee Krasner – die Frau hinter Jackson Pollock

Der Kunst-Unterricht in der Schule war für mich immer das Highlight der Woche. Eines wird mir allerdings erst jetzt so richtig klar: wir lernten nie etwas über Künstler-Paare, geschweige denn weibliche Künstler. Warum, das ist mir ein Rätsel, denn viele der berühmtesten Maler hatten Beziehungen und Ehen zu nicht minder begabten Frauen. Hinter Robert Delauney stand beispielsweise die ebenso talentierte Sonia Delauney. Hinter Bauhaus-Ikone Josef Albers seine intelligente Frau Annie, die aus Handarbeiten wie dem Teppichweben erstmals eine Kunst machte. Und die Vorreiterin der surrealistischen Fotografie Dora Maar wird bis heute gerne nur als Picassos Muse betitelt. Ich erinnere mich genau, dass wir damals auch Jackson Pollock durchnahmen. Der Rebell, der eine neue Maltechnik erfand, der Zerrissene mit Hang zur Alkoholsucht – das war natürlich spektakulär. Aber nie haben wir davon gehört, dass seine Ehefrau Lee Krasner ebenfalls eine erfolgreiche und angesehene Malerin war, die ihn bis zu seinem Unfalltod unterstützte und seine, anstatt ihre eigene Karriere vorantrieb.

„And I think even today it’s difficult for people to see me, or to speak to me, or observe my work, and not connect it with Pollock. They cannot free themselves“. Lee Krasner (1908 – 1984) in einem Interview 1972 über das Dilemma, selbst Künstlerin und gleichzeitig die Ehefrau, Witwe und Nachlassverwalterin des berühmten Jackson Pollock zu sein. Quelle

10 Fakten über Lee Krasner


  • Lee (eigentlich Lena) Krasner wurde im Jahr 1908 in Brooklyn geboren, kurz nachdem ihre Eltern aus Russland emigrierten.  

  • Die Entscheidung über ihre Schulausbildung wurde ihr leicht gemacht: Die Washington Irving High School war zur damaligen Zeit die einzige Schule in New York, in der Mädchen den Kunstunterricht überhaupt besuchen durften.

  • An der National Academy of Design schloss sie Freundschaft mit der heute weltbekannte Design-Ikone Ray Eames und machte Hans Hofmann, einen der einflussreichsten Kunstlehrer des 20. Jahrhunderts, zu ihrem persönlichen Mentor.

  • 1936 verliebte sie sich in den raubeinigen Jackson Pollock. Sie arbeiteten zusammen, inspirierten sich gegenseitig und tauschten beide die figurative Malerei zugunsten der Abstraktion. Nach ihrer Hochzeit im Jahr 1945 heirateten sie und zogen in ein kleines Haus etwas außerhalb von New York.
  • Den Kauf dieses Hauses konnte sich das Künstlerpaar nur durch einen Zuschuss der reichen Kunstmäzenin Peggy Guggenheim (ja genau, die Gründerin der Guggenheim Museen) leisten. Lee arbeitete im Wohnzimmer, Jackson in der alten Scheune. Hier hatte er genug Raum um seine neue Malmethode zu entwickelt, das sogenannte „action painting“. Er legte dafür Leinwände auf den Boden und bearbeitete sie statt mit Pinseln gleich mit ganzen Farbströmen und Klecksen. Manchmal stach er dafür auch einfach ein Loch in die Farbdosen und ließ sie über die Leinwand wandern – zu dieser Zeit eine sehr gewagte und revolutionäre Technik.

  • Jackson Pollocks harte Kindheit manifestierte sich in depressiven Phasen und Alkoholsucht, die das Eheleben nicht immer harmonisch gestalteten – um es harmlos auszudrücken. Viele Zeitzeugen behaupten, dass Lee Krasner selbst auch kein zartes Pflänzchen war und auf gleicher Augenhöhe agierte. Dennoch schien sie, selbst außerordentlich begabt, als Künstlerin fortan in seinem Schatten zu leben. Sie beriet ihn, beruhigte ihn und schuf für ihn wichtige Kontakte in der Kunstwelt. Seine Werke hob sie auf ein Podest, ihre eigenen machte sie dadurch aber klein. Als es zu finanziellen Engpässen kommt, kratzt sie angeblich sogar die Farbe von ihren eigenen Gemälden, um Platz für seine Malerei zu schaffen. Ob das wirklich der Wahrheit entspricht, kann allerdings nicht zu 100% bewiesen werden.

  • Doch auch seine vielen Erfolge konnten Jackson Pollocks innere Zerrissenheit nicht kurieren, Alkoholexzesse und Despression bremsten immer mehr seine Kreativität. Die Ehe mit Lee war zerrütteter denn je. Nachdem er kaum noch arbeitete und sich zunehmend in seiner Sucht verlor, verursachte Pollock 1956 betrunken einen Autounfall und starb mit nur 44 Jahren. Mit ihm im Wagen saßen seine damalige Geliebte und ihre Freundin, letztere kam auch zu Tode.
  • Lee war zu dem Zeitpunkt auf Europareise, um Abstand von ihm und der schwierigen Ehe zu bekommen. Als sie davon erfuhr, kehrte sie umgehend in die USA zurück. Statt sich so weit es geht von den Erinnerungen fernzuhalten, kehrte sie in ihre alte Heimat zurück, um mit dem Verlust Frieden zu schließen. 
  • Das Bemerkenswerte: In dieser Zeit privaten Unglücks erlebt Krasner den weltweiten Durchbruch. Sie malte fortan nicht mehr im Wohnzimmer, sondern zog in Pollocks Atelier in der großen Scheune, was ihren Gemälden mehr expressiven Ausdruck und ganz neue Dimensionen verlieh – einige davon erreichten bis zu 4 Meter Länge. Ihre erste Soloausstellung findet 1955 in New York statt, danach erntet die Künstlerin immer größere Anerkennung. Ihre Gemälde waren anfangs sehr von Matisse oder Picasso beeinflusst, zeigten ab dem Zeitpunkt von Pollocks Tod aber zunehmend Stilelemente ihres verstorbenen Ehemanns. Bis ins hohe Alter ist Lee Krasner künstlerisch tätig. Ihr Vermögen spendete sie der von ihr gegründeten Pollock-Krasner-Stiftung, die sich um bedürftige Künstlerinnen kümmert.
  • Noch heute kann man die alte Scheune besichtigen, in der Lee Krasner und davor Jackson Pollock Kunstgeschichte schrieben. Schaut man ganz genau hin, kann man sogar die Umrisse der riesigen Gemälde an der Wand und die farbigen Fußspuren der beiden am Holzboden sehen.

Die Barbican Art Gallery in London zeigte bis 1. September übrigens die erste Lee-Krasner-Retrospektive in Europa seit 50 Jahren. Die Ausstellung wird danach durch Europa touren: Von 11. Oktober bis 12. Jänner 2020 in der Schirn Kunsthalle Frankfurt, von 7. Februar bis 10. Mai im Zentrum Paul Klee Bern und von 29. Mai bis 6. September im Guggenheim Bilbao.

Credits: VG Bild-Kunst, Bonn 2018 & The Pollock-Krasner Foundation / Gary Mamayf; VG Bild- Kunst Bonn, 2018 & The Pollock-Krasner Foundation/ ARS, New York. Licensed by Copyright Agency, 2018; Pollock-Krasner Foundation/VG Bild-Kunst, Bonn 2019. Courtesy Kasmin Gallery, New York

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