Als ich nach Malta reiste …

… lernte ich, dass man nicht alles in eine Schublade stecken muss.

Auf die Idee, nach Malta, genauer gesagt nach Valletta zu reisen, kam ich aus purem Nichtwissen. Wo liegt diese Insel eigentlich genau? Welche Sprache spricht man dort? Italienisch, arabisch oder etwas ganz anderes?  Dass mir diese Insel im Mittelmeer so fremd war, reizte mich am meisten. Und egal wem ich von meiner bevorstehenden Reise erzählte, die Reaktion war immer die gleiche: „Aha, Badeurlaub?“ Nein, Kultur. Von der gibt es in Malta nämlich genug, zumindest in den Ballungsräumen Valletta und Mdina. Am Flughafen angekommen ging es per Taxi recht günstig zu unserem Hotel am Hafen von Valletta. Was erst nur Straße und Betonklötze war, verwandelte sich langsam in Palmenpromenaden und historische Ruinen. Nach und nach kamen auch die ersehnten bunten Holzbalkone dazu, die das Stadtbild besonders prägen. Deren Erhaltung wird leider immer schwieriger weil kostenintensiver, wie ich von der Taxifahrerin erfuhr. „Ist das Wohnen hier sehr teuer?“, fragte ich sie beim Anblick der vielen leerstehenden Wohnungen. „Ja, sehr. So teuer, dass sich die Einheimischen das Wohnen in der Stadt bald nicht mehr leisten können.“ Und tatsächlich sieht man in der Innenstadt von Valletta sehr viel Renovierungsbedürftiges – für die einen vielleicht befremdlich, für andere, so wie mich, gehört es einfach zur historischen Ästhetik der Stadt.

Malta liegt zwischen Sizilien und der Küste Nordafrikas, gesprochen wird hier offiziell englisch sowie maltesisch, das sich wie eine Mischung aus italienisch und arabisch anhört. Inoffiziell – das merkt man sobald man mit offenen Ohren durch die Innenstadt schlendert – werden hier alle Sprachen der Welt gesprochen. Denn in Sachen Multi-Kulti schlägt Valletta sogar London, was vielleicht auch an den vielen internationalen Universitäten hier liegt. Das Erstaunliche ist, wie viele Kulturen der Insel im Laufe ihrer Geschichte ihren Stempel aufdrückten, die man noch heute gut erkennen kann. An vielen Ecken stehen einem beispielsweise ganz plötzlich Telefonzellen oder Briefkästen gegenüber – ein Überbleibsel aus der britischen Kolonialzeit.

Dass hier verschiedensten Kulturen aufeinander prallen macht sich wie so oft auch beim Thema Essen bemerkbar.

Das Essen hier erinnert großteils an Italien und Griechenland, mit Pasta und frischen Meeresfrüchten. Es gibt allerdings auch Tapas, orientalisches und Dinge, die man auf einem türkischen Basar erwarten würde. Jedes maltesische Restaurant hat außerdem ein Gericht mit Kaninchen im Angebot. Probiert haben sollte man Ġbejna (Käse aus Ziegenmilch) und den Nationalfisch Lampuki (Goldmakrele). Einen guten Überblick über Maltas Kulinarik bekommt man in der Is-suq tal-Belt – einer Foodhall inmitten der Stadt. Hier kann man sich auch noch spät abends durchkosten oder draußen ein Glas Aperol genießen und dabei das Stadtgeschehen beobachten. Nicht zu vergessen sind übrigens die köstlichen Pastizzis und Qassatas. Das sind Teigtaschen mit Ricotta, Thunfisch, Spinat oder Erbsen gefüllt und so fettig, dass eine kleine Portion eigentlich für den halben Tag reichen würde – gebe es nicht so viel anderes zu entdecken.

Das richtige Lebensgefühl spürt man allerdings erst, wenn die Rollläden der Einkaufsstraßen hinuntergelassen werden. Dann verwandeln sich nämlich die steinernen Treppen der Stadt in winzige Cocktail- und Tapasbars. Im Kerzenschein sitzt man hier auf wackeligen Stühlen oder gleich auf den Stiegen und genießt eiskalte Cocktails oder ein großes Glas Aperol. Öffnungszeiten oder dergleichen sucht man hier vergeblich – diese Pop-Up Bars scheinen für ungeschulte Touristenaugen einfach spontan aus dem Boden zu schießen, wo immer es gerade passt.

Ich empfand die Stadt übrigens als extrem sicher. Sogar nachts konnte man hier zumindest in der Innenstadt ohne mulmiges Gefühl spazieren gehen.

So verging der erste Tag bereits mit unglaublich vielen Eindrücken. Richtig viel Zeit zum Verarbeiten blieb nicht, denn pünktlich zum Sonnenaufgang weckte mich die dröhnende Hupe eines hochhausgroßen Kreuzfahrtschiffes, das sich durch den Hafen schob. Das hatten wir bei der Lage des Hotels mit tollem Blick auf den Hafen nicht bedacht. Der ausbeuterische Kreuzfahrttourismus macht eben auch vor Malta nicht Halt. Nach diesem Weckruf der anderen Art ging es wieder frisch und motiviert in die Stadt, genauer gesagt in die Warteschlange für die St.John‘s Co-Cathedral, die sich bereits vor Öffnungsbeginn gebildet hatte. Wer mehr über die Geschichte dieser Orgie aus Gold wissen möchte, der kann sie einfach googeln – denn an dieser Stelle lasse ich die Bilder für sich sprechen.

Ein Highlight für Kunstliebhaber ist eines der berühmtesten Caravaggio-Gemälde, das sich in der Co-Cathedral verbirgt: „Johannes der Täufer“. Übrigens: Ist man als Frau zu sommerlich unterwegs, wird einem unmissverständlich eine Schürze gereicht, die für etwas Anstand sorgen soll. Ich musste damit meine obszön entblößten Beine überdecken, sehr zur Belustigung meiner Reisebegleitung. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung (rund 94 Prozent) ist hier eben streng römisch-katholisch.

Da man in Valletta das meiste zu Fuß erkunden kann oder aus Mangel an öffentlichen Verkehrsmitteln auch muss, ging es danach über die Einkaufsstraße Triq Ir-Repubblika bzw. Republic Street vorbei an Museen und fahnengeschmückten Palästen zum Freilufttheater, das auf den Ruinen des im 2.Weltkrieg zerstörten Opernhauses errichtet wurde. Als Architekturschätze zählen das Stadttor sowie das beeindruckende Parlamentsgebäude. Beides wurde von dem bekannten Architekten Renzo Piano entworfen und spaltet seitdem die Gemüter. Ich für meinen Teil fand die Architektur großartig – ein moderner Klecks in Vallettas Shabby-Chic.

An vielen Ecken der Stadt beschlich mich ein Gefühl von Déjà-Vu. Eigentlich kein Wunder, denn Malta wurde bereits oft als Drehort für Hollywood Filme genutzt, von Troja über Gladiator bis hin zu Game of Thrones, die unzählige Szenen auf Malta filmten. Vallettas Eagle Street kennen Fans beispielsweise als „Fleabottom“ in Westeros, wo Arya Starck eine tote Taube für ein Brot auszutauschen versucht. Im Fort Manoel ließ das hässliche Frettchen Joffrey, Ned Stark hinrichten und zeigt wenig später Sansa den aufgespießten Kopf ihres Vaters. Wenn das nicht die perfekte Kulisse für ein Erinnerungsfoto ist, dann weiß ich’s auch nicht.

Abends erforschten wir die beiden Gärten, die für mich zu den schönsten Sehenswürdigkeiten der Insel zählen: Der Upper Barakka Garden als auch der Lower Barakka Garden liegen hoch oben an der Stadtmauer und überblicken den imposanten Grand Harbour. Gleich nachdem man die Steinmauern passiert (Eintritt gratis) und diese grünen Oasen betritt, merkt man, wie Ruhe einkehrt. Riesige Palmen, leise plätschernde Brunnen und Pflanzen, die ich so noch nie gesehen hatte, umgaben alte Tempel, Säulen und Kalksteinmauern. Als wir im Upper Barakka Garden waren, erwischten wir den idealen Moment kurz vor Sonnenuntergang. Das Licht ließ die Stadtmauern golden leuchten und das Meer azurblau.  Wir atmeten die laue Meeresbrise ein, die sich mit den schweren Blumendüften aus dem Garten vermischte. Trotz einigen Besuchern war es so angenehm ruhig. Diese Momente zählen bis heute zu den schönsten Reiseerinnerungen, die ich habe.

Seit 2012 verbindet ein moderner Lift den Upper Barakka Garden mit dem Hafen. Die 58 Meter werden in nur 25 Sekunden zurückgelegt und sind nichts für Menschen mit Höhenangst.

Der nächste Tag. Mit dem Bus ging es zu den „Three Cities“ an der gegenüberliegenden Seite des Grand Harbours, genauer gesagt in den Stadtteil Vittoriosa.

Was ich im Urlaub besonders liebe, ist einfach zeit- und zielverloren durch die Gegend zu schlendern, an jeder Ecke etwas Neues entdeckend. Und genau das taten wir hier auch. Wir streiften durch die schmalen, verwinkelten Gassen aus kühlem Kalkstein, in einer Gasse hallte das Gezwitscher von Vögeln wider, die in Wohnungen hoch oben in Käfigen das Geschehen vom Fenster aus überblickten. Das Suchen und Fotografieren der Gusseisernen Türklopfer und Marienbildern an jeder Tür wurde zur Hauptbeschäftigung an diesem Nachmittag.  

Zurück auf unsere Seite des Hafens ging es für € 2 mit einer Luzzu, so heißen die bunt bemalten Holzboote, deren Bug mit dem Osirisauge verziert sind. Dieses Zeichen sollte laut Überlieferung die Fischer vor Gefahren schützen. „Kann nicht schaden“, dachte ich mir jedenfalls als wir quer durch den Hafen schipperten, vorbei an riesigen Schiffen und neben uns am offenen Meer, die gewaltigste Sturmfront, die ich je gesehen hatte.

Den Abend ließen wir mit frischen Meeresfrüchten an der Waterfront ausklingen. Die recht touristische Restaurantmeile liegt direkt am Hafen und es kann vorkommen, dass einem ein Kreuzfahrtschiff, so groß wie ein Hochhaus, direkt vor der Nase parkt. Interessant zu beobachten war es allemal, vor allem wie gehetzt die Touristenmassen kurz vor dem Ablegen noch ins Schiff stürmen, bepackt mit riesigen Einkaufstaschen voll Souvenirs. Das witzige an der Waterfront entdeckt man erst bei einem genaueren Blick: Die hübschen bunten Häuser entpuppen sich dann als riesige Kulissen, bei manchen wurden lediglich die Fassaden hingestellt, ohne ein Gebäude dahinter zu errichten.



Die Tage in Valletta gehören definitiv zu den entspanntesten Trips meiner Reisekarriere. Es war einer dieser Urlaube, an die man lange Zeit danach noch oft und gerne zurückdenkt, weil einfach alles so stimmig war. Vielleicht aber auch, weil wir so unvoreingenommen und neugierig waren.

Im nächsten Beitrag:
Unser letzter Tag, ein Spaziergang durch die engen Gassen der ehemaligen Hauptstadt Mdina.


Den Flug von Wien nach Malta kann man übrigens für ungefähr
€ 20 via mindfulflights oder atmosfair kompensieren.

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