Minimalismus

Als der Minimalismus bei mir einzog

Gemeinsam mit meiner Mutter stand ich im leeren Haus meiner Oma. Sie war kürzlich verstorben und ich half meinen Eltern dabei, das Haus auszuräumen, mit dem ich so viele glückliche Kindheitserinnerungen verbinde. Denn wie das Leben nun mal so ist, stand es jetzt leer und wurde verkauft. In den letzten Jahren ihres Lebens begann meine Oma, ihr ganzes Hab und Gut zu verschenken. Jeder, der sie besuchte, musste damit rechnen mit einem Schal, einem Topf oder einem Teeservice nachhause zu gehen. Auch an Weihnachten oder Geburtstagen konnte man damit rechnen, neben dem Kuvert mit Geldscheinen noch eine etwas angeschlagene Schale oder den Porzellanengel zu bekommen, den man noch von seinem angestammten Platz neben dem Fernseher-Regal im Wohnzimmer kannte. Das war eine liebenswerte Schrulligkeit, die ich damals aber überhaupt nicht nachvollziehen konnte. Woher dieser plötzliche Sinneswandel, alles loswerden zu wollen kam, war mir rätselhaft. In Anbetracht dessen waren meine Mutter und ich auch recht überrascht, wie viel dennoch im Haus meiner Oma übrig blieb. Wir kämpften uns stundenlang durch Kleiderberge (das meiste davon hatte ich noch nie an ihr gesehen), Tischtücher und Schals (durfte ein einzelner Mensch überhaupt so viele Schals besitzen? Es war unglaublich), Geschirr, Schmuck und unnötig aufbewahrter Dokumente. Doch auch nach einem halben Tag des Packens und Verladens war immer noch so unfassbar viel übrig geblieben. Erdrückend viel. Das war auch der Moment, in den ich meine Oma völlig verstand.

Wenn ich so an meine Kindheit und Teenager-Zeit zurückdenke, war ich nie besonders ordentlich. Ich bin Einzelkind, wurde immer schon mit Spielsachen, Süßigkeiten und anderem überhäuft und kann mich an regelmäßige Auseinandersetzungen mit meinen Eltern erinnern, weil mein Zimmer einer Messie-Höhle glich. Auch als Teeny war weniger nicht mehr für mich. Viel zu schön war es, Make-Up und Mode für mich zu entdecken, regelmäßig mit Freundinnen shoppen zu gehen und so immer und immer mehr Zeug anzuhäufen. Allein mit meinem Modeschmuck hätte ich eine eigene Claire’s Filiale eröffnen können. Vielleicht gehörte das zum Erwachsenwerden einfach dazu, es war aber dennoch zu viel des Guten. Ich glaube, das erste Mal als mir das richtig bewusst wurde, war ich gerade beim Umzug in meine erste WG. Und alle, die bereits einen Umzug hinter sich haben, werden mir zustimmen wenn ich sage: Es ist schockierend, wie wenig in so einen Umzugskarton passt. Erstaunlich ist auch, wie viele dieser Kartons man in einem so jungen Leben bereits befüllen kann, mit Dingen, die man eigentlich nicht braucht. Ich ließ also gut die Hälfte davon in meinem Elternhaus zurück, konnte mich nicht ganz davon trennen und dachte, spätestens wenn ich eine eigene Wohnung habe, findet alles seinen Platz. Ziemlich bald wurde mir allerdings klar, dass ich nichts von dem, was ich zurückgelassen hatte, wirklich vermisste, geschweige denn brauchte. So kam es zum ersten großen Aussortieren und was soll ich sagen: Das Gefühl war großartig!

Fakt ist aber auch, dass ich noch immer sehr viel Unnötiges in meinem Leben hatte: Deko-Zeug, das eigentlich nur Staub fing. Billiger Modeschmuck, der schon längst die Farbe wechselte. Und Unmengen von unbequemen Schuhen, Kleidern und Blusen, die ich sowieso nie anzog. Richtig gestört hat mich das allerdings nicht. Bis heute, zwei weitere Umzüge später. Ich bin mir nicht sicher, wann genau dieser Knackpunkt kam, nach dem ich zum Ordnungs-Junkie wurde. Vielleicht war es diese sehr unstetige Phase meines Lebens, in der meine Jobverhältnisse und die Richtung, in die mein Leben gehen sollte noch sehr ungeklärt und wackelig waren. Plötzlich wollte ich Ordnung und Struktur in meinem Leben, keine vollgestopften Kästen und vor allem wollte ich atmen können, ohne vom „Zu Viel“ erstickt zu werden.  Jetzt, wo die Themen Detoxing, Minimalismus und Nachhaltigkeit richtig boomen, las ich auch viele Artikel und Bücher darüber, schaute die Netflix Doku The Minimalists und fühlte mich sehr stark motiviert. Die endgültige Entscheidung, mehr Überblick über meinen Besitz zu bekommen, kam aber nach dem besagten Erlebnis im Haus meiner Oma. Kaum war ich nach diesem Tag daheim angekommen, ging ich mit einem Sack durch unsere Wohnung (ich wohne mit meinem Freund zusammen, den ich mittlerweile auch zum Ausmustern motivieren konnte) und steckte alles rein, zu dem ich keine Verbindung spüren konnte und was soll ich sagen: schlussendlich waren es zwei große, vollgefüllte Müllsäcke, die ich spendete. Das letzte Mal hatte ich mich so positiv befreit gefühlt, als ich meine Haare von Ellbogen- auf Kinnlänge abschnitt – es war toll! Als wäre ich viel leichter, glücklicher und unabhängiger, denn mehr Besitz bedeutet auch immer mehr Aufwand beim nächsten Umzug. Oder zeitgemäßer ausgedrückt: ein Glücksgefühl wie 100 neue Follower auf Instagram, wenn man so will. Es ist ein großartiges Gefühl, durch die Wohnung zu gehen und zu wissen, dass man hier (fast) nur mit Dingen lebt, die man wirklich braucht und benützt und mit denen man besondere Erinnerungen verbindet.
Für alle, die sich jetzt vielleicht motiviert fühlen, auch ein bisschen Ballast abzuwerfen gibt es hier einige Anhaltspunkte, die Trennungsschmerzen bestimmt erleichtern:

  • Die erste und wichtigste Regel ist: Nichts was ausgemustert wird, hat es verdient im Mülleimer zu landen! Auch wenn etwas noch so klein und unwichtig erscheint, kann man es spenden oder zu einem wohltätigen Flohmarkt bringen, wo es doch noch etwas Gutes bewirken kann. Der kleine Mehraufwand ist es 100% Wert!

 

  • Wer Angst vor einer Riesen-Aufräumaktion hat, die einen ganzen Tag verschlingen würde, der sollte am besten einfach an der Oberfläche beginnen. Das funktioniert am besten bei Staubfängern wie Vasen, Teelichtern und anderer Deko. Brauche ich 5 verschiedene Zuckerdosen oder behalte ich einfach nur die, die mir am besten gefällt? Hat dieses Ding Bedeutung für mich? Verwende ich es regelmäßig bzw. freue ich mich, wenn ich es ansehe? Das gute Gefühl in einem Raum zu sein, der nur aus Dingen besteht, die man wirklich gern hat, ist diese Überlegungen wert.

 

  • Wenn unter den Abschiedskanditaten (so wie bei mir) einige Geschenke waren, muss man für sich selbst entscheiden, was einem wichtig ist. Natürlich ist es ein sehr heikles Thema, Geschenke auszumustern, die man von lieben Menschen bekommen hat. Vor allem wenn der Beschenkende ein unglückliches Händchen für den persönlichen Geschmack hatte, sollte man einfach vorschlagen, sich in Zukunft statt Materiellem mehr Zeit miteinander zu wünschen. Ein Essen, ein Museumsbesuch oder ein gemeinsamer Kinobesuch sind meistens auch viel wertvoller als alles, was man kaufen kann.

 

  • Bücher. Ich weiß, noch ein heikles Thema. Von Büchern will man sich nur sehr ungern trennen, da man sich damit auch von einer ganzen Welt, einem eigenen Universum trennt. Ich bin trotzdem dazu übergegangen, wirklich nur die Bücher aufzuheben, die mich sehr bewegt haben. In meinem Bücherregal findet man jetzt quasi nur die Hall of Fame.

 

  • Sich minimalistisch einzurichten, ohne den Wohnraum dabei kalt und leer wirken zu lassen, ist eine Kunst für sich. Wer sich so viel Überlegung nicht antun möchte, sollte einfach nur durch die Wohnung gehen, Fensterbretter oder Regale betrachten und ein paar Dinge davon zu entfernen und zu sehen, wie es danach wirkt. Ein Fenster lässt viel mehr Licht herein und den Raum heller wirken wenn vielleicht nur eine Pflanze davor steht. Auf einem Regal oder einer Kommode können ein paar freien Flächen spannend und aufgeräumt wirken. Oder es setzt ein besonderes Erinnerungsstück oder ein Bild richtig in Szene, lässt man es für sich alleine stehen. Sich von unnötigen Dingen zu trennen, kann also auch den Wohnraum viel klarer und größer wirken lassen und ein unbeschwerteres Gefühl bringen.

 

  • Die wichtigste Regel ist allerdings, dass Minimalismus nicht heißt, dass man sich von allem Besitz trennen muss und mit nur 5 Dingen in einem leeren Raum wie ein buddhistischer Mönch leben muss. Ich könnte mich nicht mal für 5 Nagellacke entscheiden, die ich aussortieren müsste… Man muss nicht jedes Ding in seinem Leben rechtfertigen können, vor allem nicht wenn man ein Mensch wie ich ist, der schöne Dinge einfach liebt. Es reicht, wenn man bei jeder Anschaffung einen Gedanken mehr darauf verschwendet, ob es wirklich notwendig ist oder man etwas ähnliches nicht bereits besitzt. Oder ob es einem in den nächsten Jahren auch noch Freude bereitet oder nur in diesem Moment. Man lebt so viel unbeschwerter, wenn nicht ständig dieses „das muss ich jetzt unbedingt haben“-Gefühl da ist. Denn Besitz ist schlussendlich nicht für die Ewigkeit und sollte auch keinen so wichtigen Status in unserem Leben einnehmen. Fest steht daher: ein bisschen mehr Genügsamkeit und Einschränkung, egal in welchem Bereich ist einfach unglaublich befreiend.

 

Um auf den Anfang zurück zukommen: Einige der goldenen Ketten aus dem Schmuckkästchen meiner Oma habe ich behalten. Nämlich jene, die sie auf Reisen gesammelt und mit denen sie schöne Erinnerungen verbunden hatte. Jedes Mal, wenn ich sie trage, denke ich daran und natürlich auch an sie. Manche Dinge, nämlich die sorgsam ausgewählten, bleiben eben für die Ewigkeit. Auch wenn sie noch so klein sind.

 

Minimalismus

 

Am strengsten kuratiere ich mittlerweile meinen Kleiderschrank, auch was die Anschaffung von Neuem angeht. Was dabei wichtig ist, habe ich HIER und HIER in ein paar Schritten zusammengefasst.

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