Neu im MET Museum: Rei Kawakubo – Art of the In-Between

Es gibt einige Modedesigner, die ich besonders bewundere. Und das nicht unbedingt weil die Kleidung, die sie entwerfen schön ist. Meistens trifft das Wort „schön“ gar nicht richtig zu, zumindest nicht so, wie es die meisten definieren würden. Nein, ich schätze diese Designer so sehr, weil sie Kleidung als Kunstform sehen – und mich damit immer wieder faszinieren. Ganz oben auf dieser Liste steht die Japanerin Rei Kawakubo mit ihrem Label Comme des Garçons. Ihr wird dieses Jahr eine ganz besondere Ehre zuteil. Welche das ist und warum ihre Geschichte die Modewelt seit den 80er Jahren so fasziniert? Lest selbst:

 

Das zweite Mal erst wird die alljährliche Gala des Metropolitan Museum of Art in New York einer noch lebenden Mode-Ikone gewidmet. Zuletzt war das im Jahr 1983 der Fall, als ein junger Modeschöpfer die Welt mit seinen visionären Entwürfen immer wieder aufs Neue beeindruckte – Yves Saint Laurent. Zwei Jahre davor beging Rei Kawakubo gerade erst ihr Laufsteg-Debüt. Und nun, nach einer ebenso langen wie erfolgreichen Karriere, die noch lange nicht vorbei ist, wird der japanischen Design-Rebellin der Event samt dazugehöriger Ausstellung gewidmet. Eine große Ehre, die – und da ist sich die Modewelt einig – absolut verdient ist. Die Ausstellung „Rei Kawakubo/Comme des Garçons: Art of the In-Between“ widmet sich dem vollständigen Werk ihrer Modemarke Comme des Garçons und zeigt insgesamt 120 verschiedene Kreationen. Angefangen von ihrem Laufsteg-Debüt bis hin zu den aktuellen Shows. Der Aufbau wird in kontrastierende Themenbereiche aufgeteilt: Ost/West, männlich/weiblich und Vergangenheit/Zukunft, um so Kawakubos Begeisterung für das Dazwischen-Sein auszudrücken. Aber was macht diese Modemarke samt der Frau dahinter seit Jahrzehnten so faszinierend? Um eine Ahnung davon zu bekommen, genügt bereits ein Rückblick auf die erste Comme-des-Garçons-Kollektion, die über den Pariser Laufsteg geschickt wurde.

 

Rei Kawakubo Art of the In-Between
Body Meets Dress–Dress Meets Body, spring/summer 1997 + Blood and Roses, spring/summer 2015; by © Paolo Roversi

 

Geburt des Hiroshima-Chic

Die Marke wurde zwar bereits 1969 gegründet, es war aber erst im Jahr 1981, als die aus Japan stammende Rei Kawakubo erstmals die Modewelt aufmischte. Die Kleider zeigten wie von Motten zerfressene Löcher, deformierte Formen, den Körper verhüllende Schnitte und Asymmetrie, wo zuvor noch keine denkbar war. Die Wogen gingen hoch. Als „Post-Atomar“ und „Hiroshima-Chic“ wurden ihre Entwürfe vor allem von der konservativen Presse zerstückelt. Als entsetzlich und politisch unkorrekt empfand man die sichtbaren „Auswucherungen“ der Kleidung. Um diese Verstörtheit zu verstehen, muss man auch die damalige Zeit betrachten, in die Kawakubo ihre Avantgarde-Mode hineingebar. Anfang der achtziger Jahre regierte der Glamour in Mode, Musik und Film. Die Fernsehserie Dallas mit ihren riesigen, in glitzerstoff gehüllten Schulterpolstern zeigte der breiten Masse, wie es gerade sein sollte. Gianni Versace und Thierry Mugler waren die von Luxus umwehten Designer der Stunde. In diese Welt schickte die Japanerin also ihre formlosen, schwarzen Stoffe, durchlöcherten Strickgewebe und zerfetzten Kleider. Natürlich fühlte sie sich missverstanden, äußerte sich aber mit starken Worten: „Ich war immer schon gegen Menschen, die mir sagen wollen, was ich zu tun habe.“

 

Rei Kawakubo Art of the In-Between
Cubisme, spring/summer 2007; by © Craig McDean + The Infinity of Tailoring, autumn/winter 2013–14; by © Collier Schorr

 

Bis heute sind Comme-des-Garçons-Shows ein Erlebnis. Exaltierte Formen, der Schwerkraft trotzende Skulpturen und Modelle, die gleichzeitig sakral, romantisch und morbide wirken. Dazu gehören auch die fröhlichen Polkadots, die sich von Beginn an durch Kawakubos Arbeit zogen und einen spannenden Kontrast zur oft düsteren Thematik bilden.

Sie sind sowohl als Kontrapunkt ein klassischer weiblicher Ansatzpunkt als auch eine Art, die Wahrnehmung großflächig zu verzerren. In ihrer Mode gibt es keine körperlichen Grenzen, genauso wie rationale Schnitte, die natürlichen Formen folgen. So dekonstruiert, fatalistisch und morbide ihre Entwürfe auch sind: Die Designerin stellt in ihrer Arbeit immer wieder in Frage, was es bedeutet, eine Frau zu sein und zeigt durchaus auch romantische Elemente in ihrer Kleidung. Ihre Prêt-a-Porter-Entwürfe sind der Kunst häufig näher als der Mode – vor ihr trauten sich dies nur sehr wenige. Im Interview mit der Zeitschrift The New Yorker sagte sie dazu nur: „Ich wollte niemals eine Revolution starten“, tat es damit aber doch. Mit dieser Einstellung inspirierte sie nicht zuletzt einige der einflussreichsten Modedesigner unserer Zeit. Martin Margiela zum Beispiel, Ann Demeulemeester, die fast ausschließlich in Schwarz entwirft und nicht zuletzt Österreichs Modeexport Nummer Eins, Helmut Lang, nannten Kawakubo bereits als Inspirationsquelle. Marc Jacobs trägt bis heute mit Vorliebe ihre Röcke für Männer. Sie inspiriert aber nicht nur, sondern unterstützt vielversprechende Nachwuchsdesigner auch aktiv beim Karrierestart. Wie zum Beispiel die von ihrem ehemaligen Mitarbeiter Junya Watanabe, der heute bereits ein Fixstern am Modehimmel ist.

 

Leidenschaft und Geschäftssinn

Bekennende CDG-Fans wurden dank ihren weiten, ausschließlich schwarzen Outfits von der Presse mehr oder weniger liebevoll „die Krähen“ genannt, und ihre avantgardistische Herangehensweise wurde schon bald als die Uniform Intellektueller verschriehen. Dabei war genau das Gegenteil Kawakubos großes Anliegen. Dem Interview Magazine erzählte sie einst: „Für mich gibt es keine rein intellektuelle Herangehensweise. Sie ist viel simpler als das. Alles was ich erschaffe, soll einfach nur meinen eigenen Anspruch an Schönheit und Stärke genügen. Und das ist das fertige Kleidungsstück für mich dann auch. Wie es für die Anderen aussieht, müssen sie selbst entscheiden.“ Und „die Anderen“ finden Gefallen an jeder weiteren Kollektion, denn seit den Anfängen der Marke wuchs sie auf über 20 Sub-Marken. Comme des Garçons macht einen geschätzten Umsatz von über 220 Millionen Dollar pro Jahr und das obwohl – oder gerade weil? – die Frau dahinter immer nur auf ihre eigene Intuition hörte, ob in kreativen oder kommerziellen Belangen.

 

20.ReiCDG,ClothesNotClothesWarPeaceGalleryView

19.ReiCDG,ClothesNotClothesGalleryView

Rei Kawakubo Art of the In-Between
© The Metropolitan Museum of Art

Man könnte es also als paradox bezeichnen, dass diese durch fast untragbare Kleidung berühmt gewordene Marke eine kommerziell durch und durch erfolgreiche und wachsende ist. In den Stores ist das, was auf den Runways zu sehen ist allerdings so gut wie nie zu finden. Derartige Entwürfe sind natürlich nicht gerade das, was die breite Masse gerne im Kleiderschrank hängen hat. Deswegen führte man auch die aus Basics bestehende Linie „Play“ ein, die durch ihr Logo ebenfalls einen hohen Wiedererkennungswert hat. Das Herz mit Augen wurde vom polnischen Künstler Filip Pagowski entworfen, der dafür nach eigener Aussage nur einen einzigen Versuch benötigte.

 

Ein ewiger Mythos

Rei Kawakubos Kollektionen sind oft schwer zu verstehen und manches Konzept erfordert eine sehr intensive Auseinandersetzung mit den Themen, die sie bearbeitet. Manchmal strahlen sie auch eine gewissen Art Komik aus (die Japanerin besitzt angeblich einen äußerst trockenen Sinn für Humor). Gerade deswegen, und wahrscheinlich auch wegen der daraus resultierenden Kontroversität, sind sie bis heute ein Spektakel geblieben, das provoziert und berührt. Kein Entwurf aus ihrer Hand lässt kalt. Nie würde Kawakubo auf die Idee kommen, sich selbst am Ende der Show dem Publikum zu präsentieren und auch Porträts von ihr sind sehr rar. Ihr Einfluss hat die Art, wie wir Mode betrachten, tragen und kaufen, für immer verändert. Und jetzt, mit 74 Jahren, ist sie immer noch der Kopf einer Marke, die sich zu einem weltweiten Konzern entwickelt hat. Doch sie wird nicht müde, immer wieder zu betonen, dass dies ihre letzte Kollektion gewesen sein könnte. Vielleicht trägt ja auch dies dazu bei, dass jede ihrer Shows mit einer gewissen Ehrfurcht betrachtet wird. Durch das Met Museum bekommt Kawakubo nun ihren verdienten Ritterschlag.

 

17.ReiCDG,ObjectSubjectGalleryView16.ReiCDG,SelfOther,EastWestGalleryView15.ReiCDG,ThenNowGalleryView14.ReiCDG,GalleryView13.ReiCDG,AbsencePresenceGalleryView

 

Die Ausstellung „Rei Kawakubo/ Comme des Garçons: Art of the In-Between“ ist noch bis 4. September 2017 im Met Museum New York zu sehen.

www.metmuseum.org

3 Gedanken zu “Neu im MET Museum: Rei Kawakubo – Art of the In-Between

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s