Ein Spaziergang am Montmartre

Etwas, was ich ganz besonders an Städten liebe, sind diese Stadtteile, die unverhofft auftauchen und in denen man sich fühlt als wäre man plötzlich ganz woanders. Fast wie kleine Dörfer inmitten von riesigen Metropolen, die das Stadtbild prägen, ohne sich daran anzupassen. Ich mag solche kleinen Zeitreisen. Deshalb gehört auch das Gebiet um den Montmartre für mich zu den sehenswertesten Teilen der französischen Hauptstadt. Sofern man bei all der Schönheit überhaupt eine Rangliste erstellen kann. Wenn sich über Paris der Nebel legt, scheint am Montmartre die Sonne und mancher Einwohner schwört, dass man hier oben erst richtig aufatmen kann. Natürlich und allen voran ist es das Künstlerviertel schlechthin. Toulouse-Lautrec malte hier seine berühmten Plakate für’s Moulin Rouge, das ganz in der Nähe ist. Van Gogh und Matisse schwangen hier die Farbpaletten. Pablo Picasso tat hier die ersten Pinselstriche in dem Stil, der damals die Pariser High Society empört aufschnauben ließ und der heute als Kubismus bekannt ist. Horden von Touristen (viele davon keuchend und nach Luft ringend) zieht es den Berg hinauf zur Place du Tertre, wo sie das zu finden glauben, wofür dieser Hügel einst berühmt wurde. Staffeleien, Pinsel, mit Farbflecken bekleckerte junge Künstler die nur darauf warten, entdeckt zu werden. Stattdessen findet man gerade an diesem Ort leider nur noch einen Porträtzeichner nach dem anderen, hunderte lieblose Replikate, viel zu viele Touristenfallen mit schlechtem Essen und tausende Souvenirs, die mit den Werken der großen Maler von einst bedruckt sind. Statt charmanter Bohème gibt es hier nur billigen Kitsch.

Das gilt allerdings nur für einige Gässchen, die Richtung von Sacré-Coer führen. Verlässt man die Pfade, die zur vorderen Postkarten-Ansicht der weißen Kirche führen und schlendert durch die Gassen dahinter, so taucht man in eine völlig andere Welt ein und sieht Paris so, wie es eigentlich sein sollte. Verschlungene Straßen, unebenes Kopfsteinpflaster, das ein oder andere holzvertäfelte Bistro, das windschief aus dem Hügel ragt. Hier erfüllt die Stadt ihre eigenen Klischees auf eine wunderbar unaufdringliche Weise.

 

 

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Jeder Reiseführer drängt seinen Lesern denselben Weg hierher auf: Aussteigen bei der Metro-Station Anvers und dann rauf über die Rue de Steinkerque – ein Hürdenlauf durch geschmacklose „I ❤ Paris“-Pullover, Kühlschrankmagneten und leuchtenden Eiffeltürmen. Natürlich bietet sich dann ein wunderschöner Blick auf Sacré-Coer samt dem Karussell, das man aus dem Film „Die Fabelhaften Welt der Amélie“ kennt. Mich sieht dieser Ort aber nie wieder. Viel zu vollgestopft mit Kitsch und aufdringlichen Straßenverkäufern, die auch schon mal handgreiflich werden, beim Versuch einem Armbänder anzudrehen. Auch der vielbeworbene  Funiculaire, der bis zu 2000 Menschen in der Stunde den Berg hochbringt ist alles andere als romantisch. Tausendfach schöner ist folgender Weg:

Nehmt die Station Abbesses (die zugleich auch einen wunderschön bemalten Aufgang hat) und schlendert in Richtung Rue Ravignan. An deren Ende findet ihr eine köstliche Pâtisserie (die von Gilles Marchal) und eine Menge sehenswerter Ausblicke. Etwas steiler bergauf geht es dann zu einem meiner Lieblingsplätze, dem Place Émile-Goudeau. Hier kann man herrlich auf einer Bank verweilen, den Blättern beim Rascheln zuhören und sich an einem der schönen Trinkwasserbrunnen stärken. Wer will kann sich hierzu die Hintergrundgeschichte durchlesen, die wirklich interessant ist.

Weiter rauf geht es dann immer den braunen Wegweisern nach, vorbei an versteckten Gärten und den typischen Steinstiegen, gesäumt von Laternen.

 

 

Wer die Gegend rund um die beeindruckende weiße Kirche erkundet und den Ausblick auf die Stadt trotz Menschenmassen genossen hat, der tritt den Heimweg am besten über die Rue des Abbesses an. Denn dort findet man eine so große Anzahl an netten Boutiquen, Modeketten und stylischen Bistros, dass mir damals das Wasser in die Augen trat. Man sollte hier eben weder satt noch pleite vorbeikommen (nicht so wie ich also). Über die Rue Lepic, die diese Straße kreuzt (einfach immer bergab gehen) gelangt man dann zur Metro-Station Blanche und sieht so ganz nebenbei auch noch das Moulin Rouge. Womit sich dieser Beitrag auch schon dem Ende neigt. Jetzt bleibt nur noch sich durch die Urlaubsfotos zu klicken und sich wieder zurück zu träumen – in der Hand ein duftendes Pain au Chocolat, im Herzen dieses frisch-verliebt-Gefühl, das diese einzigartige Stadt ausmacht.

 

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(c) all photos by THE BOOKSHELF

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