Bücher, die mich 2016 bewegt haben

Robert Seethaler – ein ganzes Leben

Ein Buch, das so leise erzählt und gleichzeitig gewaltige Bilder im Kopf entstehen lässt. Es erzählt die Lebensgeschichte von Andreas Egger, der charakterlich dem einsamen Almöhi aus Heidi sehr nahe kommt. Ein Einzelgänger, der tiefer fühlt als er selbst überhaupt zu verstehen vermag. Anfangs wirkt er wie eine ziemlich farblose, in sich verschlossene Figur, die zwischen den großartig beschriebenen Bergpanoramen fast unterzugehen droht. Aber nach und nach wird klar, wie er so wurde. Warum er der einsilbige, recht einfach gestrickte Einsiedler ist, der sich mit harter Arbeit und bescheidenen Ansprüchen durch seine Lebensjahre wurstelt. Er findet sogar die Liebe, die ganz neue, ungeahnte Seiten an ihm zum Vorschein bringt. Doch auch wie im richtigen Leben läuft in dem wunderschön erzählten Roman nicht alles nach Plan und auch ein märchenhaftes Happy End gibt es hier nicht. Nicht im üblichen Sinne zumindest. Zum Glück, denn auch ohne Kitsch und Klischee ist diese Geschichte perfekt. Auf eine melancholische Weise macht sie verständlicher, warum Menschen so sind wie sie sind. Dieser Roman wurde auch zum Auftakt meiner Liebe zu Robert Seethalers Büchern. Zwei weitere (Die weiteren Aussichten und Der Trafikant) haben es ebenfalls auf meine Liste von Lieblingsbüchern geschafft.

 

Joachim Meyerhoff – Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war

Den Erstlingsroman von Joachim Meyerhoff Alle Toten fliegen hoch habe ich vor ein paar Jahren aus einem Impuls heraus gekauft und gleich danach verschlungen. Ich liebe seine Erzählweise, in der man wie ich finde sofort erkennt, dass er hauptberuflich Theaterschauspieler ist. Auch hier erzählt er zum Teil autobiografisch von seiner Kindheit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort hat er allerdings nur gewohnt, denn sein Vater war der Direktor der Anstalt. Trotz allen Irren um ihn herum wuchs der Autor allen Anschein nach wirklich glücklich und behütet auf – Kaum nachzuvollziehen wenn man manche Stellen des Romans liest, der absolut kein verstörendes Detail auslässt. Wie sein Vorgänger ist auch dieses Buch ein Wechselspiel von wahnsinnig (das Wort schien mir hier passend) lustigen und zutiefst traurigen Stellen.
Welche Schilderungen hier tatsächlich passiert sind und welche der kreativen Freiheit zuzuschreiben sind, bleibt allerdings ein Geheimnis. Ist ja schließlich auch egal, denn der Roman entführt so und so in eine ganz fremde Welt. Eine in der man im Leben nichts anderes will als einen Hund zu streicheln, vor dem man gleichzeitig panische Angst hat, Zigaretten die kostbarste Währung von allen sind und man Probleme lösen muss wie einen Irren, der dir mit zwei riesigen Glocken nachläuft. Ich freue mich jetzt schon darauf den dritten Teil der Reihe zu lesen!

 

John Green – Paper Towns

John Green. Ich glaube, jeder Roman von ihm ist es wert dreimal gelesen zu werden. Auch Paper Towns, oder Margos Spuren wie es in der deutschen Version heißt, habe ich in 3 Tagen durchgelesen und dabei kaum aus der Hand gelegt. Es geht um den etwas nerdigen aber ziemlich sympathischen Q, in dessen Leben ganz plötzlich wieder seine geheime Kindergartenliebe Margo – wortwörtlich – durchs Fenster schneit. Auf einen ziemlich ereignisreichen nächtlichen Rachefeldzug (Margo hat einige Rechnungen zu begleichen), bei dem man sich als Leser gleichermaßen in Margos Verrücktheit und in Qs Ängstlichkeit verliebt, folgt der nächste Tag an der High School. Ohne Margo, denn die ist plötzlich verschwunden, vielleicht sogar für immer. Aber nicht ohne ausgeklügelte Spuren zu hinterlassen, mit Hinweisen darauf wie man sie finden kann. Ob sie nun gefunden werden will oder nicht bleibt anfangs unklar, dennoch machen sich Q und seine nicht minder schrägen Freunde auf die Suche.
Das perfekte Buch für den Alltag: witzige Dialoge, schön ausgemalte Szenarien, unglaublich sympatische Charaktere und ein großes Rätsel. Die Verfilmung war umso enttäuschender, obwohl die Besetzung mit Cara Delevingne als Margo sehr passend ausgefallen ist. Das Ende wurde allerdings komplett verändert und zerstörte für mich in der Filmversion die ganze Moral des Buchs. Die ist für mich nämlich, dass man in keinen Menschen hinein sehen kann. Man darf äußeren Schein nicht mit all dem verwechseln, was in einem Menschen vorgeht. Und vor allem darf man niemanden idealisieren, denn das beginnt sich – wie eben bei Margo – irgendwann zu verselbstständigen und man zerbricht daran. In einer Stelle im Buch spielen die Freunde ein Spiel im Auto. Dabei sieht man sich die Insassen von Autos an, die gerade an einem vorbeifahren und erfindet deren Lebensgeschichte.

„It is easy to forget how full the world is of people, full to bursting, and each of them imaginable and consistently misimagined. I feel like this is an important idea. [..] I am thinking about the way you can and cannot see people, about the tinted windows between me and this woman who is still driving right beside us. both of us in cars with all these windows and mirrors everywhere, as she crawls along with us on this packed highway.“

Und ich finde, genauso ist es auch im wahren Leben. Nicht nur bei Fremden sondern auch bei Freunden, dem Partner oder den Eltern. Man beginnt sie zu idealisieren, interpretiert Dinge in ihre Taten, die man sich selbst für sie wünscht, die aber nichts mit der realen Person zu tun haben. Denn jeder macht Fehler und jeder von uns will Fehler machen dürfen, ohne die Erwartungen von jemandem dabei zu zerstören. Wenn man das kapiert hat, ist dieses Buch eine Wohltat für die Seele – wortgewandt, spannend und witzig ist es sowieso.

 

Matthew Quick – Flugstunden

Auch wenn ihr noch nie etwas von Matthew Quick gelesen habt, eines seiner Werke kennt ihr ganz bestimmt. Sein Buch The Silver Linings Playbook wurde nämlich bereits verfilmt und brachte Jennifer Lawrence ihren ersten Oscar. Ein großartiger Film und so ist auch der Roman. Auch dieser hier ist eine tolle Mischung aus Komik, schwarzem Humor und ernsthaftem Hintergrund. Ich finde der beste Teil des gesamten Buchs ist der Beginn der Geschichte. Man taucht nämlich gleich direkt ein und findet sich neben Portia Kane wieder, die gerade im Wandschrank ihres Noch-Ehemannes, dem Pornokönig, sitzt. In der einen Hand eine 2000 Dollar teure Flasche Cognac, in der anderen die geladene Pistole. Mit der will sie den Untreuen, der natürlich gerade mit einer seiner neuen Darstellerinnen die Stufen raufgetorkelt kommt, beseitigen. So viel sei verraten, wir haben es hier nicht mit einer Mörderin zu tun, deshalb gibt sie dem schmierigen Exmann nur einen Denkzettel (und der ist absolut herrlich) und flüchtet erst mal zu Mama, die in der tiefsten Provinz wohnt und blöderweise ein ziemlich verwirrter Messie ist. Natürlich ist davor auch noch ein unterhaltsamer Nervenzusammenbruch im Flugzeug drinnen. Der bringt sie allerdings mit einer Nonne zusammen – eine Begegnung, die ihr ganzes Leben verändern wird. Und so abgedreht das alles jetzt klingt – so abgedreht ist es auch. Es ist ein ständiges Auf-und-Ab zwischen nachdenklichen Momenten und großartiger Situationskomik. Wie bei Silver Linings werden auch hier Themen wie psychische Erkrankungen und Verlustängste behandelt. Es nimmt zwar manches mit Humor, beschönigt aber nichts. Deshalb würde ich es auch nicht unbedingt als Gute-Laune-Buch bezeichnen. Es ist eher die Geschichte von Menschen, die an einem gewissen Punkt im Leben glaubten alles zu haben und es dann plötzlich in sich zusammenfällt. Auf diese Weise treffen sich die Wege mehrerer Personen, die sich bei der Bewältigung ihrer Schicksalsschläge auf magische Weise gegenseitig helfen. Denn auch wenn wir alle sehr verschieden auf solche Katastrophen im Leben reagieren, mit etwas Unterstützung sind sie viel leichter zu verarbeiten. Das merken auch die Protagonisten am Ende dieses Buches, wenn sich alles zu einem großen Kreis zu schließen beginnt. Ich hoffe hier ebenfalls auf eine baldige Verfilmung!

 

 

 

 

 

(Credits: Picture by the-bookshelf.com)

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