Selbstversuch: Silvester alleine

Ich bin ja jemand, der Feiertage liebt. Denn Feiertage sind immer mit Traditionen verbunden und die liebe ich noch mehr. Das Eierfärben zu Ostern, das Kürbisschnitzen an Halloween und natürlich die vielen vielen Traditionen in der Weihnachtszeit. Doch Silvester hat noch nie dazugehört. Zumindest nicht so richtig. Theoretisch hört sich das Ganze toll an. Ich sehe mich dann immer im Abendkleid gemeinsam mit all meinen Freunden, ebenfalls in schicker Abendkleidung, stilvoll auf den Jahreswechsel anstoßen. Mit Champagner in der Hand und Frank Sinatra im Ohr den Countdown beginnen. Die Luft ist voll von glitzerndem Konfetti und frischen Ambitionen für das kommende Jahr.

Die Realität sieht aber meistens anders aus. Die verbringt man nämlich meistens gemeinsam mit einem zusammengewürfelten Haufen Fast-Fremder, weil jeder aus dem engeren Freundeskreis etwas anderes vorhatte, mit pseudo-witzigen Spielen und schlecht gemischten Getränken um die Stimmung irgendwie zu heben. Denn auch wenn man es in Wirklichkeit gar nicht ist, an Silvester muss man zwangsweise in Partystimmung sein. Pünktlich zum Jahreswechsel ist man dann entweder genug betrunken, um den ersten Tag des jungen Jahres im Halbkoma zu verbringen oder so genervt von den anderen Betrunkenen, dass man ihn bereits mit Plänen für das nächste Silvester verbringt – in der Gewissheit, dass dieses auch nicht besser werden wird. Man sieht, ich halte nicht besonders viel von diesem Feiertag. Deshalb, und zugegebenermaßen auch aus Gründen der Faulheit, habe ich dieses Jahr den Abend des 31. Dezembers ganz alleine in meinen eigenen geliebten Vier Wänden verbracht. Mit einem überraschenden Resultat.

Ich schlug also alle Einladungen aus. Mein Freund, der zum Glück auch kein Fan dieses Tages ist, war im Nachtdienst, was sich ausnahmsweise auch gut traf. Und so hatte ich ein Date mit mir selbst geplant. Einen Kinobesuch am Nachmittag und eine Reihe meiner Lieblingsfilme am Abend. Auch um all die Jahresrückblicke im Fernsehen zu vermeiden, die auf Dinge zurückblicken, auf die man eigentlich gar nicht zurückblicken will. Stattdessen gab es Midnight in Paris, Jurassic Park und zu guter Letzt Casablanca. Also Woody Allen, animierte Echsen und „Ich schau dir in die Augen, Kleines“ statt Junggesellen,  übermotivierte Exen und „Bist du öfters hier, Süße?“. Viel besser als jeder Club an Silvester. Die einzige Partydroge die ich brauchte, war ein großes Glas Nutella mit einem Löffel drinnen, das einzige Outfit mein Satinpyjama. Quasi jederzeit bereit, um in bester Sex & The City-Manier den Pelzmantel und die Paillettenhaube überzustreifen und in hochhackigen Schuhen kurz vor Mitternacht einer ebenso einsamen Freundin zu Hilfe zu eilen (ganz nebenbei bemerkt, eine der absurdesten Momente der gesamten SATC-Geschichte). Ich war vergnügt, entspannt und froh darüber, dieser Fassade der aufgesetzten Ausgelassenheit den Mittelfinger gezeigt zu haben. Und dann war es plötzlich fast Mitternacht.

Das dumpfe Knallen der ersten Raketen riss mich aus dem Schlaf, ich war eingenickt. Verfrühte Glückwünsche trudelten auf meinem Handy ein. Ein „Du fehlst mir“ von meinem Freund. Noch bevor der Countdown losging, zog ich meinen Mantel über und ging raus auf den Balkon. 3…2…1… Frohes neues Jahr! Hörte ich zumindest einige Nachbarn schreien, die sich ebenfalls auf den Balkonen und Dachterrassen gesammelt hatten. Gläserklirren vermischte sich mit einem Regen aus buntem Licht, verteilt am Horizont der ganzen Stadt. Und plötzlich fühlte ich mich einsam, obwohl ich es nicht war. Ich wollte auch jemanden beglückwünschen, ich wollte tanzen und vor allem wollte ich einen Kuss um Mitternacht. Wieder zurück auf der Couch, einen weiteren großen Löffel Nutella im Mund beschloss ich, einfach schlafen zu gehen. Doch das Knallen und Grölen vor meinem Fenster hielt mich wach, genauso wie der Gedanke an all die Dramen, Skandale und Exzesse, die sich da draußen in den nächsten Stunden abspielen werden und die mir Jahr für Jahr nur vom Zusehen auf die Nerven gingen. Nun wollte ich dabei sein. Mittendrin. Nicht mal auf die Social Media Kanäle war Verlass, denn so still wie in der Silvester-Nacht ist es dort wohl an keinem anderen Tag im Jahr.

Ich beschloss dann einfach zu tun, was ich immer tue wenn ich traurig, glücklich, nachdenklich oder ärgerlich bin: Ich schrieb. Ich schrieb alle Dinge in meinen Kalender, die ich in diesem neuen Jahr tun will und alles was ich sein möchte. Ich will zum Beispiel weiterhin viel Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich will Menschen Freude machen und ihnen zeigen, dass ich an sie denke, nicht nur an Geburtstagen sondern dann, wenn sie es am wenigsten erwarten. Ich will mich nicht mehr von Kleinigkeiten runterziehen lassen, die es nicht wert sind darüber nachzudenken. Ich will mich weiterbilden und mehr über Themen lernen, von denen ich jetzt noch keinen Schimmer habe um vielleicht auch andere Kulturen besser verstehen zu können. Und ich möchte Alessandra Ambrosios Waschbrettbauch, denn wer sagt, dass alle Wünsche auf dieser Liste auch realistisch sein müssen.
Am nächsten Morgen wachte ich durch den Kuss auf, den ich um Mitternacht so vermisst hatte. Wir machten einen Spaziergang durch die Stadt, die zu dieser frühen Stunde so friedlich und die Luft so neu und klar war. Und als wir so energiegeladen und voller Vorfreude auf das neue Jahr durch die Straßen gingen, vorbei an leeren Flaschen und Pfützen aus Erbrochenem in erstaunlich akkuratem Abstand, musste ich mir eingestehen, dass es noch keinen schöneren 1. Januar als diesen gab.

 

 

Credits: Titelbild via lifeofpix.com

2 Gedanken zu “Selbstversuch: Silvester alleine

  1. Liebe Myriam,
    das kann ich voll und ganz verstehen! Ich denke, diese Notiz mit „tu das bitte nie wieder“ sollte ich mir auch öfter mal machen 😀
    Ganz liebe Grüße und vielen Dank für die lieben Worte!

    Gefällt 1 Person

  2. Hallo Jennifer!

    Ein schöner Artikel, in dem ich mich sehr wiederfinden konnte – na ja, bis auf die Einsamkeit im Raketenmoment vielleicht. Die kann ich zwar total nachvollziehen, bin aber selbst eher durchgehend froh, wenn ich es geschafft habe, mich allen Sylvester-Veranstaltungen zu entziehen . Ich erinnere mich, dass ich vor einigen Jahren sogar mal an Sylvester eine Erinnerung für den nächsten Dezember in meinen Kalender schrieb: Bloß nicht wieder Sylvester feiern, du hasst das! 😀

    Liebe Grüße,
    Myriam

    Gefällt 1 Person

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