Die Kunst der Provokation – die Welt von Hussein Chalayan

Ein Name, den ihr kennen solltet: Der Modedesigner und Konzeptkünstler HUSSEIN CHALAYAN arbeitet mit verwesendem Stoff, macht Möbel tragbar und lässt Kleider sich am Laufsteg wie von Zauberhand verwandeln. Wenn ihr seine einzigartigen Werke noch nicht kennt, dann wird es höchste Zeit! Ein genauerer Blick auf den Ausnahme-Künstler.

 

hussein-chalayan2007

 

Ein Model betritt den Laufsteg. Bis auf Sandalen ist sie völlig nackt. Nur ein kleines Stück Tuch bedeckt ihr Gesicht und macht sie trotz völliger Blöße anonym und eigenartig fremd. Der schwarze Stoff verlängert sich mit jedem weiteren Model, lange bleibt der Schambereich entblößt, während das Gesicht immer verdeckt bleibt. Am Schluss wird klar, dieser schwarze, die Identität-verhüllende Stoff stellt eine Burka dar. Eine Kollektion, die die Grenzen zwischen Fashion Show und Kunst Performance verschwimmen ließ und deren politisches Statement noch lange nachhallen sollte. Völlig entblößt und doch vollkommen anonym durch ein einziges Stück Stoff vor dem Gesicht. Bringen wir unsere Persönlichkeit mit Mode und Stil wirklich zum Ausdruck oder verstecken wir uns eher hinter ihr?
Hussein Chalayan, Designer mit komischem Namen, Unternehmer und Konzept-Künstler. Ein Liebhaber der schönen Künste, der die Themen auf den Laufsteg bringt, die die meisten Designer nicht mal mit Samthandschuhen anfassen würden. 1970 im türkischen Teil der Insel Zypern geboren, musste er sich den Traum, seine Kreativität ausleben zu dürfen hart erkämpfen. Ärzte oder Posten in der Wirtschaft, das sah man damals in Zypern als anständige, ehrenhafte Berufe. Irgendwann überzeugte er dennoch seine Eltern und studierte am renommierten Central Saint Martins College of Art and Design in London. Noch während seines Abschlussjahres erregte er mit seinen gewagten, sozialkritischen Entwürfen Aufsehen. Immer wiederkehrende Themen des Wahl-Londoners sind Fragen nach kultureller Identität, Entwurzelung und Migration, denn auch seine eigene Geschichte ist von verschiedenen Kulturen geprägt. Chalayan hält regelmäßig Vorlesungen über sein Werk und hatte Ausstellungen in internationalen Museen in London, Kyoto, Paris und New York. Seine Ideen beschäftigen sich nicht nur mit Mode, sondern auch mit Geschichte, Politik, Architektur und Kunst. Schon immer war seine Auffassung von Mode mehr Gaudí als Gucci, mehr Dali als Dior. Und das in einer Zeit, in der sich Modedesigner eher auf den sicheren Pfad begeben und der Verkauf der Produkte wichtiger ist, als der kreative Prozess. Das Konzept, welchem die meisten Labels folgen, heißt Gewinn, und dafür müssen die Entwürfe so kommerziell wie möglich sein. Ein Konzept, dem auch das Label Chalayan folgen muss, ihm aber nicht völlig unterliegt.
Von der ersten Kollektion, in der Seidenkleider gezeigt wurden, die davor begraben und exhumiert wurden, bis zur Herbst/Winter 2000 Kollektion „After Words“, die die Grenzen zwischen Vernissage und Modenschau verschwimmen ließ – seine Shows sind in Kritikerkreisen legendär. Auch wenn letztere bereits 15 Jahre zurück liegt, hat sie sich als Symbolbild seines Schaffens in die Köpfe der Modeaffinen gebrannt (und wurde bejubelt wie das große Finale eines Rockkonzerts):

In einer Art Wohnzimmer, das den Catwalk darstellte, begannen Models die Stoffe von Sofas und Sesseln abzuziehen und verwandelten diese in beeindruckende, durchaus tragbare Kleider. Der Rest der Möbel wurde zu Koffern zusammen geklappt und davon getragen. Für das Finale stieg eines der Models in das Loch in der Mitte eines Couchtisches, der bis dahin Zentrum einer Sitzecke auf dem Laufsteg gewesen war. Ganz langsam zog sie den Tisch in Richtung Hüfte, befestigte ihn und begann, auf und ab zu gehen. Aus einem unscheinbaren, hölzernen Tisch war ein Rock geworden. Thematisiert wurde damit die steigende Anzahl an Flüchtlingen und das Grauen, all sein Hab-und Gut – und so auch die Möbel – zurücklassen zu müssen. Eine Thematik, die heute für uns leider alltäglich ist, machte er damals schon zum Thema. Auch wenn man sich von so materiellem wie der Einrichtung trennen muss, trennt man sich automatisch auch von einem kleinen Teil seiner Selbst, kommentierte der Designer damals. So etwas hatte die Modewelt noch nicht gesehen, und der Schöpfer dieser erstaunlichen Verwandlung von Möbel- in Kleidungsstück war über Nacht das neue, zukunftsweisende Genie des Laufstegs. Ab diesem Zeitpunkt durften man sich sicher sein: das war nicht der letzte Hase, den er aus dem Hut zaubern würde.

 

Kleider, die sich mit einem Ruck an der richtigen Stelle plötzlich in Farbe und Form verwandeln, Hüte, die eigentlich gar keine sind und ethnische Konflikte, erzählt nur durch einen Entwurf. Ein Hauch von Magie umgibt seine Welt. Für „Ambimorphous“ präsentierte er traditionelle Tracht, an die seines eigenen Geburtslandes angelehnt. Nach und nach, begann ein dunkler Stoff die farbenfrohe Folklore, scheinbar aus der Mitte des Körpers ausgehend aufzufressen. Wie ein Parasit, der sich mehr und mehr ausbreitet und das Alte mit dem am Schluss gezeigten, modernen schwarzen Mantel, komplett ersetzt. Eine Studie kultureller Veränderung, gebannt in Stoff, die Fragen nach Identität, Geschichte und Heimat in den Raum stellt.



Da liegt natürlich eine Frage nicht allzu fern: Braucht man denn sowas? Die Antwort der meisten wäre wohl ein klares nein. Zumal dem Designer schon vom ein oder anderen Spießer vorgeworfen wurde, die meisten seiner Entwürfe wären nicht tragbar. Eine Antwort, die Mr Chalayan wohl egal wäre, denn für experimentier- faule sind seine Designs ja sowieso nicht gedacht. Wer weiß, vielleicht legt er es gerade darauf an, ein bisschen mehr Aktion, mehr Überraschung und mehr Staunen in das (Mode)Leben der breiten Masse zu bringen. Ein kleiner Revoluzzer, das war er ja schon immer.
Mit 45 Jahren kann Hussein Chalayan bereits auf unzählige Auszeichnungen zurückblicken, darunter auch die, für sein Lebenswerk. Gerechtfertigt, wenn man auf sein vielseitiges Schaffen zurückblickt. Mit seiner Arbeit will er nach eigener Aussage blinden Flecken eine Gestalt geben, dem Betrachter Dinge zeigen, die er zwar sieht, aber nicht wirklich wahrnimmt. Eine Haltung, die die Idee und die Message hinter der Kleidung in den Vordergrund stellt und sich nicht nur vom kommerziellen Gedanken leiten lässt. Mit Beginn des Wintersemesters 2014/15 übernahm er, der selbst bereits in allen Mode-Lehrbüchern der Welt zu finden ist, die Leitung der Modeklasse an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Man darf also in Zukunft auch vom österreichischen Modenachwuchs einiges erwarten, vielleicht sogar ein bisschen Magie.

 

 

(Credits: Youtube, Beitragsbild: Youtube-Screenshot)

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