Iss mal was – Warum Skinny Bashing nicht so salonfähig sein sollte, wie es gerade ist

Ich stehe wie fast jeden Freitag Nachmittag an der Supermarktkassa. Vor mir liegt mein Einkauf, bereit mit einem hellen „Biiep“ eingescannt zu werden. Ich liebe den Wocheneinkauf, er entspannt mich. Ich mag es, gesunde Sachen zu kaufen und mir dabei zu überlegen, was ich daraus kochen werde. Ich kontrolliere nochmal die Dinge, die am Förderband liegen und hake gedanklich meine Einkaufsliste ab. Der Großteil davon ist Obst und Gemüse. Vollkornnudeln und Joghurt. Brennnessel-Tee, weil ich ihn schon immer gerne trinke und er eine entschlackende Wirkung hat. Deshalb prangt vermutlich auch das Wort FASTENTEE auf der Verpackung. Ich registriere zwar ein Getuschel hinter mir, bin aber zu gedankenversunken um näheres zu hören. Bis mir der Satz „Na die hat fasten nötig.“ in den Ohren dröhnt. „Vielleicht sollten wir der Armen ein paar Säcke Chips mit drauflegen.“ Kichern. Ich höre es, reagiere aber nicht darauf. Ich bin schon viel zu weit weg, viel zu weit zurückgeschleudert in die Zeit, in der ich nach so einem Kommentar zwei Tage heulend in meinem Zimmer gehockt wäre.

Als ich so richtig darüber nachdenke, bin ich mit meinen Einkaufstaschen schon fast bei meiner Wohnung. Cool bleiben, das hast du hinter dir, das kann dir heute gar nichts mehr anhaben. Kann es aber doch, denn das ist mittlerweile eine Woche her und ich denke immer noch daran. Nicht voller Wut oder Verletztheit sondern aus Frust. Denn was ich in meiner Kindheit und Teenagerzeit schon erlebt habe, ist heute dank Social Media noch viel größer geworden und hat sogar einen klingenden Namen bekommen: Skinny Bashing.
Schockierend, was man findet, wenn man diesen Begriff durch die Suchmaschinen jagt. Artikel, Blogbeiträge oder der erstaunlich beliebte Tumblr-Account „fuck skinny bitches, curvy women are real women“. Immer begleitet von den Kommentaren verunsicherter Mädchen,  die aber sofort mit Schimpftiraden abgetan werden. Man solle sich nicht beschweren, man solle es doch als Kompliment nehmen. Ist doch nur die Eifersucht der anderen – aber zunehmen würde ich an deiner Stelle schon. Oder einfach die Worte, die mir bis heute den Magen verkrampfen lassen: Iss. Mal. Was.

Zuerst einmal: Ja, ich bin dünn. Schon immer. Ich bin 1,75cm groß und habe Kleidergröße 34. Ich kann essen was und wie viel ich will und nehme dabei auch ohne Sport kein Gramm zu. Auch schon immer. Das ist einfach so und wird wahrscheinlich auch nicht ewig so bleiben, aber bis dahin sollte ich es genießen. Ich bin völlig gesund, muss nicht ständig kalorienzählen und mir weder Süßigkeiten noch Fast Food verkneifen – dass das positiv ist, habe ich dummerweise erst in den letzten paar Jahren verstanden. Davor hörte ich einfach viel zu sehr auf andere Leute, die mir einreden wollten, dass etwas mit mir nicht stimmt.

Als Kind ist dünn sein noch kein großes Problem, der Großteil der Kinder ist es und es wird auch noch in seiner niedlichen Form „zart“ beschrieben. Als Teenager wird es dann schon heikler. Damals schoss ich einfach nur in die Höhe, war immer die Größte in der Klasse. Wo die anderen Mädchen langsam Rundungen bekamen, war ich flach wie ein Bügelbrett, bis auf die beiden Knochen, die sichtbar aus meiner Hüfte ragten. Ich war damals genauso pragmatisch mit meinem Körper, wie ich es heute zum Glück wieder bin: anders wäre vielleicht schöner, aber was soll’s, so bin ich eben. Aber das Selbstbewusstsein eines Teenagers hängt nunmal stark von der Außenwelt ab und so konnte ich die Sprüche von Freunden, Bekannten und Verwandten bald auswendig. „Gibt man dir nicht genug zu essen?“, „Isst du so wenig?“, „Dürrer Haken“.
In meinem ganzen Umfeld ist es nicht und war es (zum Glück) nie üblich, übergewichtige Menschen sofort auf ihr Gewicht zu reduzieren und Dinge zu sagen wie „Bist du immer schon so dick?“ oder „Iss mal ein bisschen weniger, schadet dir nicht“. Mir direkt zu sagen, dass ich ruhig noch ein Stück Torte essen kann (das kann mir nicht schaden), ist dagegen sehr normal und ist bis heute alltäglich. Niemand, es sei denn man ist ein richtiges Arschloch, würde eine Person mit Übergewicht bei der ersten Begegnung gleich auf ihre Figur ansprechen. Bei auffällig schlanken Menschen ist es aber bloß Teil des Smalltalks. Nennt mich naiv, aber wenn ich jemanden kennenlerne, würde ich gerne über meinen Charakter definiert werden und nicht über meine Statur. Eine besonders unsensible Klassenkameradin entledigte sich ihrer Vorurteile gleich beim ersten Kennenlernen in der neuen Schule: „Sag mal Jenni, bist du magersüchtig?“. Sowas verdaut man nicht so schnell. Denn wenn dir jeder sagt, dass etwas mit dir nicht stimmt, dann glaubst du es irgendwann selbst. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich beim Arzt nachgefragt habe, warum ich nicht zunehme, was nicht in Ordnung ist mit mir. Wie oft ich recherchiert habe, was mein Problem sein könnte. Wie oft ich fast bis zum Erbrechen doppelte Portionen, Süßigkeiten und Chips in mich reingeschaufelt habe, nur damit ich ein paar Gramm zunehme, die am nächsten Morgen sowieso wieder weg waren. Ich wollte einfach nur zunehmen und aussehen wie alle anderen auch. Ohne hervorstehende Rippen und Komplexe.

Deshalb fühle ich umso mehr mit all den jungen, verunsicherten Mädchen mit, die in den Onlineforen beschimpft werden und sich nicht mal zur Wehr setzen können. Denn dann heißt es ganz schnell „beschwer‘ dich nicht, das ist doch ein Kompliment“.
NEIN ist es nicht. NEIN es ist kein Kompliment wenn einem mit „Iss doch mal was“ geraten wird, seinen Körper zu verändern. NEIN es ist kein Kompliment, wenn man grundlos dafür kritisiert wird weil man so ist wie man eben ist. NEIN es ist kein Kompliment, wenn man eine schwere psychische Krankheit wie Magersucht einfach so nachgesagt bekommt.

Und NEIN, diese Zeilen sollen auch nicht bedeuten dünn=gut. Denn in Zeiten von #thinspiration und #tighgap nimmt auch der Schlankheitswahn gefährliche Ausmaße an. Von dem großen Size-Zero-Problem in der Modeindustrie erst gar nicht zu sprechen.  Und dass übergewichtige Menschen schnell schief angesehen oder sogar beleidigt werden, klammere ich hiermit auch nicht aus. Natürlich gibt es auch das viel zu oft.
Es ist jedoch nicht so salonfähig wie Skinny Bashing.

Deshalb gehen die nächsten Zeilen nicht nur an die Untergewichtigen unter euch. Nicht nur an die Übergewichtigen und auch nicht nur an die, die wegen was auch immer verunsichert in den Spiegel schauen: Egal wie ihr ausseht, solange ihr gesund seid, lasst euch nie auf euer Äußeres reduzieren. Nehmt euch unsensible Kommentare nicht so zu Herzen und lasst euch nicht durch die Meinung Fremder beeinflussen. Denn die entspringt meistens sowieso nur aus deren eigener Unsicherheit. Man sollte sich für seinen eigenen Körper vor niemandem rechtfertigen  müssen. Man sollte einfach nur in Ruhe lernen dürfen, ihn so zu lieben, wie er ist.
Lasst euch von niemandem sagen, dass etwas nicht mit euch stimmt, nur weil ihr nicht der Norm entsprecht!

 

Heute hat sich mein persönliches Selbstbild zum Glück verbessert. Warum auch nicht, verändern kann ich sowieso nichts, denn ich nehme noch immer nicht zu. Ich habe weder eine Model-Figur noch bin ich untergewichtig, ich bin vermutlich das, was man schlacksig nennt. Aber seit ich realisiert habe, dass ich die Vorteile einer solchen Figur einfach genießen sollte, habe ich mir keine Gedanken mehr über das Thema gemacht. Ich mag es, auf mich zu achten, mich gesund zu ernähren, Sport zu machen und mir auch manchmal eine vor Fett triefende Pizza reinzustopfen, ganz ohne Reue. Bis heute hasse ich es aber, wenn man mich beim Essen beobachtet. Ich kann es nicht ausstehen, in großen Gruppen zu essen. Es ist schon ein Zeichen tiefer Vertrautheit wenn ich vorschlage, gemeinsam etwas essen zu gehen. Selbstbewusstsein kann man lernen, manche kleinen Narben bleiben aber für immer.

Denn wie so oft sollte man auch in Sachen Aussehen und Figur zuerst beide Seiten der Medaille betrachten, bevor man urteilt.

2 Gedanken zu “Iss mal was – Warum Skinny Bashing nicht so salonfähig sein sollte, wie es gerade ist

  1. Sehr mutiger Post. Oft vergisst man schnell,dass es auch in die andere Richtung so laufen kann. Im Allgemeinen sollten die Leute sich nicht so viel um andere kümmern und über andere urteilen..

    Gefällt 1 Person

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