Ein letzter Rundgang – Karl Lagerfeld. Modemethode in Bonn

Über 60 Jahre in der Modebranche. 4 der renommiertesten Modelabels der Welt. 126 Looks und hunderte Accessoires. Die Ausstellung KARL LAGERFELD. MODEMETHODE in der Bundeskunsthalle Bonn lädt noch bis 13. September zum Staunen ein.

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Was soll man über jemanden schreiben, den man schon so lange Zeit bewundert? Wie soll man einen Artikel beginnen, über eine Person, deren Name mehr als 16.900.000 Google-Treffer hat? Wie soll man einen der großartigsten Designer unserer Zeit beschreiben? Am besten nicht zu schwärmerisch, denn das mag er nach eigener Aussage gar nicht. Das glaubt ihr mir nicht? Aber dochdochdoch! „Eigentlich bin ich noch immer irgendwie der kleine Junge aus Hamburg“. Dass das die Übertreibung des Jahrhunderts ist, zeigt die umfangreiche Retrospektive, die Karl Lagerfeld dieses Jahr in der Bundeskunsthalle in Bonn gewidmet wurde. Aber wir wissen ja: „Was ich sage, ist nur dann gültig wenn ich es gerade sage.“ Niemand wurde so oft zitiert, niemand schüttelt so viele Entwürfe aus dem Ärmel, niemand fertigt so präzise Zeichnungen. Wobei wir auch schon am Beginn der Ausstellung wären. Hier steht zentral und hell erleuchtet das Heiligtum des Designers. Sein Rückzugsort, sein kreativer Mittelpunkt, der Entstehungsraum seiner Ideen und da er mehr oder weniger den ganzen Tag hier verbringt, auch sein Lebensraum: Karl Lagerfelds Schreibtisch. Nun ja, eine Nachbildung um genauer zu sein, was mich allerdings nicht daran gehindert hat, ihn andächtig zu berühren. Hüfthoch-gestapelte Zeitschriften und Bücher, Klebestifte, Zeichenmaterial und ja, auch das berühmte Shu Uemura Make-Up, mit dem er seine Entwürfe koloriert. Und auffallend viel Papier. Papier, gestapelt am Boden, Papier in Blockform (der Originale Zeichenblock übrigens). Und Papier zerknüllt auf dem Schreibtisch. Ein Anblick bei dem ich erschaudere – wie viele geniale Ideen, die er als nicht gut genug befand, kamen so wohl ums Leben? Und das ist auch das zentrale Thema der Ausstellung. Nein, nicht das Dahin-meucheln unschuldiger Entwürfe, sondern Papier. Das Liebste Medium des Künstlers.

          lagerfeld_Chanel_05 Fendi Adele s.r.l. - Karl Lagerfeld sketches - Fall/Winter 2000

Und so wurden auch alle Texte zu Ausstellungsstücken auf Papier geschrieben und samt Modeskizzen und Zeitungsausschnitten aus Papier an die grauen Mauern geklebt. Das leise Kratzen eines Filzstiftes dient als Geräuschkulisse und ist allgegenwärtig. Im letzte Raum, der die Haute Couture Entwürfe beherbergt, regnet es Papier sogar von der Decke – aber so weit sind wir noch gar nicht.

Betritt man den zweiten Raum, sticht dem wahren Karl-Fanatiker gleich das erste Stück ins Auge: der Mantel, den er 1954 für einen Talentwettbewerb entwarf und damit sofort den ersten Platz gewann. In der Jury: Hubert de Givenchy und Pierre Balmain. (Den ersten Preis in der Kategorie „bestes Cocktailkleid“ gewinnt übrigens der junge Yves Saint Laurent). Der Startschuss für eine Karriere sondergleichen und ein Leben für die Mode.

Ich könnte nun alle Stationen dieses außergewöhnlichen Menschen anführen. Von seinen ersten Erfolgen bei Chloé, den Einstieg bei Fendi, der Rettung von Chanel oder der Gründung seines eigenen Labels Karl Lagerfeld. Aber das würde den Rahmen sprengen. Was trotzdem erwähnenswert und auffallend ist: egal welches Label, egal welches Jahrzehnt an dem kleinen Schildchen am Fuß des Mannequins geschrieben steht – die Kleidung wirkt so zeitlos und modern, dass man sie auch heute noch ohne weiteres tragen könnte und damit trotzdem voll am Puls der Zeit wäre.

„Karl Lagerfeld prägt die Modewelt bereits seit über 60 Jahren und ist dabei so aktuell wie kein Zweiter. Seine Entwürfe sind profiliert und eigen, atmen aber gleichsam den Geist der Zeit und lassen – je nach Modehaus und Kollektion – einen klaren Stil erkennen.“, bemerkt auch Rein Wolfs, einer der Kuratoren von Modemethode.

Hat man die (Ruhmes-)Halle seiner Prêt-a-Porter-Entwürfe durchquert, gelangt man zum letzten Raum, dessen Schönheit einem fast den Atem raubt. Okay, das könnte man jetzt als zu schwärmerisch auffassen – aber meine eigene Schnappatmung und mehrere beeindruckte „Mon Dieu“s der Schweizer Touristengruppe hinter mir bewiesen, dass es so war. Das Künstlertrio Wanda Barcelona hat für ihre Installation abertausende Papierteilchen (aus Gmund Papier, der favorisierten Zeichenunterlage Lagerfelds) eigenhändig angesengt und durch den ganzen Raum „schweben“ lassen. Dazwischen präsentieren sich die aufwendigen Haute Couture Entwürfe wie glitzernde Statuen, deren Perfektion man fast nicht fassen kann.

King Karl, Kaiser Karl, Modezar Lagerfeld – alles Betitlungen, die dem ironischen Humor des Designers entsprechen. Aber sieht man diese visualisierte Zusammenfassung seiner Kreativität, die eigentlich nur ein Bruchteil seines Werkes zeigt, wird klar, dass Karl Lagerfeld eigentlich nur eines ist: einer der visionärsten, stilprägendsten Modeschöpfer unserer Zeit, und wahrscheinlich sogar über diese hinaus.

Für all jene, die es nicht ins schöne Bonn geschafft haben, gibt’s hier einen Rundgang durch die Ausstellung, die nur noch bis 13. September 2015 zu sehen ist:

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Weitere Informationen unter www.bundeskunsthalle.de.

(Credits: Bundeskunsthalle Bonn, Beschreibungen in der Bildbeschriftung.)

 

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