Alexander McQueen – Savage Beauty

Einer der Hauptgründe für meinen Wochenend-Trip nach London dieses Frühjahr war, dass hier im Victoria & Albert Museum eine fast schon sagenumwobene Ausstellung Station machte. Von 14. März bis 2. August ist die große Alexander McQueen-Retrospektive „Savage Beauty“ in der Heimat des Designers zu sehen. Aber was steckt hinter der ganzen Aufregung und ist der Hype überhaupt gerechtfertigt? Willkommen zum virtuellen Rundgang, auf den Spuren des Ausnahme-Künstlers, dessen Gesicht bald sogar die neue 20 Pfund-Münze zieren könnte.

2011, knapp ein Jahr nach dem Tod Alexander McQueens, wurde die Ausstellung „Savage Beauty“ im Metropolitan Museum of Art in New York eröffnet. Nach den überraschend erfolgreichen ersten Wochen, in denen Besucher bis zu zwei Stunden um Tickets anstanden, beschloss das Met, spezielle 50-Dollar-Tickets anzubieten, mit denen man die Schau auch montags sehen konnte – ein Tag, an dem das Museum traditionellerweise geschlossen hat. 17.000 dieser Tickets wurden schlussendlich verkauft. Nach zwei Monaten wuchsen die Wartezeiten auf vier Stunden an und erstmals in der Geschichte des Museums wurden die Öffnungszeiten bis Mitternacht verlängert. Insgesamt 650.000 Menschen pilgerten nach New York um eines zu sehen: „Savage Beauty“ – wilde, grausame, schonungslose, drastische Schönheit. Nun ist die Ausstellung, die alle Rekorde brach, im nicht weniger ausgebuchten Victoria & Albert Museum in London zu sehen. Und sie ist eine Reise wert.

Gleich zu Beginn betritt man einen fast zur Gänze abgedunkelten Raum. Einzig das überdimensionale Antlitz des Designers selbst prangt, umgeben von diffusem Licht, an der Wand. Es macht den Anschein, als besuche man hier nicht nur eine Ausstellung, sondern betrete die Gedankenwelt eines der genialsten Modeschöpfer dieser Welt  – Lee Alexander McQueen. Seine Karriere begann mit sechzehn, als Lee, das  Arbeiterkind aus bodenständigen Verhältnissen mit schottischen Wurzeln, die Schule verließ, obwohl er lediglich einen Abschluss in Kunst erzielt hatte. Es folgten Lehrstellen bei Anderson & Sheppard, dem Traditionsschneider des königlichen Hofausstatters in London, einem Militärschneider, einem Kostümbildner und schließlich der Master-Studiengang im Central Saint Martins, einem der renommiertesten Colleges für Mode weltweit. Hier sorgte er schon mit seiner Abschlusskollektion „Jack the Ripper stalks his Victims“, in die er menschliches Haar einnähte, für Aufsehen. Und so steht auch der erste Teil der Ausstellung ganz im Zeichen seiner Anfänge. Man sieht die ersten konzeptionellen Werke seiner Studienzeit, die ersten akkurat geschneiderten Blazer und, für spätere Verhältnisse, die sehr konservativen Hosenanzüge. Die Geräuschkulisse ist beklemmend, fast schon unheimlich, und man fühlt sich hier nicht wohl. Ganz so, wie sich McQueen in diesem Abschnitt seiner Laufbahn nie wohl gefühlt hat. Er litt unter den homophoben Ansichten der alteingesessenen Schneider, durfte sich kreativ nie voll entfalten, war zu eingeengt in seinem Schaffen. Die ausgefallenen Ideen existierten bereits in seinem Kopf, das Geld zur Umsetzung hatte er aber bei weitem nicht. Doch lernte er hier das handwerkliche Können, das der Kern seiner kreativen Fantasien war. Auch dem ausgefallensten Kleid lag ein perfekt konstruierter Schnitt zugrunde. In seiner Karriere sollte er durch sein unglaubliches Talent immer wieder anderen auffallen, darunter dem Fotografen Nick Knight, der unmittelbar Zeuge von McQueens Fähigkeiten wurde. Bei einem Shooting zerriss er vor den Augen des staunenden Teams den Anzug eines Bräutigams um daraus ein Hochzeitskleid zu fertigen, in weniger als 3 Minuten. „Man muss die Gesetze der Mode erst erlernen, damit man sie brechen kann.“

6._Birds_Nest_Headdress_made_with_Swarovski_Gemstones_by_Philip_Treacy_and_Shaun_Leane_for_Alexander_McQueen_AW_2006 9._Duck_feather_dress_The_Horn_of_Plenty_AW_2009-10._Model_Magdalena_Frackowiak._Image_firstVIEW Alexander_Mc_Queen ready to wear fall winter 1997/98

Doch Talent allein macht nicht berühmt, das fand der oft in sich gekehrte schnell heraus. So verbreitete er das Gerücht, er habe während seiner Schneiderlehre in eines der Sakkos für Prinz Charles einen kleinen Zettel mit der Aufschrift „I am an asshole“ eingenäht, woraufhin sämtliche Modelle aus dem Kleiderschrank des Royals eingezogen und in ihre Einzelteile zerlegt wurden. Beweise gab es schlussendlich keine, doch er hatte damit das erzielt, was er zu dieser Zeit am meisten brauchte: Aufmerksamkeit. In regelmäßigen Abständen fütterte er die Modepresse mit provokativen Aussagen, offene Diskussionen bereiteten ihm eine bösartige Freude. McQueen brachte, zusammen mit seinem schmutzigen Lachen und der Vorliebe für Junkfood und Bier, frischen Wind in die damalige, steife Modeszene.

Dass „Savage Beauty“ nicht chronologisch geordnet ist, merkt man an der großen Glasvitrine vor der man nun steht. Verträumte Brokat-Stickereien, wallender Tüll, Fotodrucke seiner Lieblingskünstler Hieronymus Bosch und Sandro Botticelli, die Engels-oder Endzeitmotive zeigten, ein Mantel aus gold-gefärbten Entenfedern – die letzte Kollektion des Designers, die noch postmortem von seinem Team gefertigt wurde und als seine schönste gilt. In kleinstem Kreise wurde die Kollektion „Angels & Demons“ im Salon eines Pariser Herrenhauses gezeigt. Die sechzehn Entwürfe, die alle noch von McQueen selbst zugeschnitten und drapiert worden waren, wirken zart, zerbrechlich und unfassbar glamourös. Nichts ist mehr von der Härte und dem Rüstungsartigem zu sehen, das bislang alle McQueen-Kollektionen durchwuchs. Man ist geblendet von der Schönheit, verlässt den Raum aber mit dem unheimlichen Gefühl, dass die Hand des Designers schon von der friedvollen Gelassenheit geführt wurde, die mit einem Abschluss einhergeht. Dem Abschluss mit seinem Leben.

4._Tahitian_pearl_neckpiece_Shaun_Leane_for_Alexander_McQueen_Voss_Spring_Summer_2001_copyright_Anthea_Sims PARIS fashion week march 2006 READY TO WEAR FALL WINTER 2006/07 ALEXANDER Mc QUEEN Mandatory Credit: Photo by REX (326601l) ALEXANDER MCQUEEN FASHION SHOW AT LONDON FASHION WEEK SPRING SUMMER 2001

Anfänglich wurde Alexander McQueen eine gewisse Frauenfeindlichkeit nachgesagt. Er stecke Frauen in Bondage-und Sadomaso-Outfits, nannte eine seiner Kollektionen „Highland Rape“ und wurde von der Presse dadurch angeklagt, eine gefährliche und brutale Sexualität zu propagieren. Lange schwieg er zu diesen Vorwürfen, erklärte dann aber den wahren Grund hinter dieser Mode. Als Achtjähriger hatte er mitansehen müssen, wie der damalige Ehemann seiner Schwester sie vor den Augen ihrer Kinder zu würgen begann. „Ich weiß also, was Frauenfeindlichkeit bedeutet. Alles, was ich seitdem getan habe, sollte die Frauen stärker erscheinen lassen, nicht naiv. Ich will den Frauen Macht geben. Ich möchte, dass man die Frauen in meinen Kleidern fürchtet.“

Seine Mode war aber immer auch Ausdruck seiner selbst, seiner Anliegen, Träume und vor allem Ängste. Mit seinen Konzepten und Shows nahm er kritisch Stellung zu kontroversen Themen, vor allem zu Schönheitsidealen. Shows wie „No.13“, die er von einer Teilnehmerin der Paralympics eröffnen ließ, deren Beine oberhalb des Knies amputiert worden waren, sorgten für Diskussion. Das Shakespeare-Zitat „Liebe schaut nicht mit den Augen, sondern mit dem Verstand“ prangte auf ihrem Arm.

In anderen Kollektionen krabbelten lebendige Würmer zwischen den Plastikschichten eines Korsetts oder liefen blasse Models mit Dornenkronen blutüberströmt über den Laufsteg in Form eines Kruzifix. Schockmomente, Ekel, Selbstreflexion. Mit Voss (2001) brachte er diesen Gedanken auf die Spitze. Das Publikum nahm vor einem riesigen Glaskasten Platz, der zunächst nur das eigene Spiegelbild wiedergab. Man konnte entweder wegsehen, sich selbst betrachten oder die unangenehme Erfahrung machen, wie andere einen selbst anstarren. Mit dieser Installation hatte er es geschafft, die Modejournalisten zu Objekten zu reduzieren und sie gezwungen, ihren kritischen, normalerweise auf Models gerichteten Blickauf auf sich selbst zu lenken. Als der Glaskasten von Innen beleuchtet wurde, gab er den Blick auf die Models frei, die mit bandagiertem Kopf und wirren Blicken durch eine Art psychiatrische Anstalt zu torkeln schienen. Der beängstigende Eindruck kam auf, dass die Schönheiten durch ihr eigenes Spiegelbild in den Wahnsinn getrieben werden.

Wahnsinn ist auch das Wort, welches einem beim Betreten des „Cabinet of Curiosities“ – dem spektakulärsten Raum von Savage Beauty – als erstes durch den Kopf geht. In einem überdimensionalen Setzkasten huldigt man hier den ausgefallensten Entwürfen und Shows, den kontroversesten Modellen und vor allem den Accessoires, die großteils von Hutmacher Philip Treacy stammen. SM-Masken, gemischt mit wunderschönen, filigranen Kopfbedeckungen und skulpturalen Schuhen. Performances werden auf Bildschirmen übertragen, die neben Haute-Couture-Kleidern aus seiner Zeit bei Givenchy Platz finden. Alles unterlegt mit sphärischen Klängen und eindeutigem Gestöhne einer Frauenstimme. Ein Raum, ganz so, wie McQueen seine Mode laut eigenen Aussagen selbst gesehen hat: „Es schwingt immer eine gewisse Sexualität und Perversität mit.“

BRITAIN-FASHION-McQUEEN

Mäntel und Blazer in militärischen Schnitten, Kleider in Anlehnung an das 19. Jahrhundert, Schottenkaro und Totenkopfmuster. Alles Dinge, die McQueen zu seinem Markenzeichen machte. Unvergessen auch die extrem tiefsitzenden „Bumster“ Hosen aus der 1994er Kollektion „Nihilism“, die ein drittel des Po’s freigaben und die Damenmode der folgenden Jahre stark beeinflussten.

„Sein Wissen über Mode und über das, was er wollte, war so schwarz und weiß. In dem, was er tat, gab es keine Grauzonen.“ – Sarah Burton

In der Tat pendelte er immer wieder zwischen Fröhlichkeit und Traurigkeit, Gut und Böse, Leben und Tod. Schuppige Körper, deformierte Silhouetten, hybride Wesen aus Mensch und Amphibie, aus Frau und Reptil. Die Vision, die McQueen mit seiner letzten Runway Show hatte, ging von einer zukünftigen Welt aus, in denen alles Land überflutet wurde und die Menschheit sich an ein Leben unter Wasser anpassen musste: Plato’s Atlantis. Die kaleidoskopischen Digitaldrucke galten als die komplexesten seiner Karriere, die amorphen „Armadillo“-Plateaustiefel, die nicht zuletzt Lady Gaga berühmt machte, gingen in die Modegeschichte ein.
Nur schwer löst man sich von dem Anblick der aufgereihten Wesen einer anderen Welt. Schafft man es aber doch, so merkt man: hier ist das Ende der Ausstellung und damit das Ende von Alexander McQueen. Nach dieser Fashion Show gab der Designer noch ein letztes, kurzes Interview, in denen er ungewohnt blass und abgekämpft aussah. Seine Antworten waren melancholisch, er wirkte in sich gekehrt und gedankenverloren. Das Ende krönt das Werk.
Am 10. Februar 2010, nur einen Tag vor der Beerdigung seiner Mutter, nahm sich Lee Alexander McQueen das Leben und der Modewelt ein Genie.

Alexander McQueen 2._Butterfly_headdress_of_hand-painted_turkey_feathers_Philip_Treacy_for_Alexander_McQueen_La_Dame_Bleu_Spring_Summer_2008_copyright_Anthea_Sims

„Alexander McQueen: Savage Beauty“  kann man noch bis 2. August 2015 im Victoria and Albert Museum London besuchen. Resttickets sind über www.vam.ac.uk erhältlich.

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