On the Shelf: Wald

„Über dem Wald steigt die Sonne in den gleißenden pinkfarbenen Himmel, der schon durchsetzt ist von den weißen Kommas der Flugzeuge. [..] Jetzt ist sie ein Punkt auf einer großen grünen Wiese, sieht dem Flugzeug nach und überlegt, ob sie jetzt gerne darin sitzen würde, mit der Zeitung und dem heißen Pappbecher, oder ob sie lieber der Punkt ist, unsichtbar von oben, gar nicht vorhanden, und sie kommt zu keinem Schluss.“
Autorin Doris Knecht ist Kolumnistin (Kurier, Falter) und hat 2011 mit „Gruber geht“ bereits einen Bestseller gelandet, der schon länger auf meiner Leseliste steht und dieses Jahr sogar verfilmt wurde. Mit ihrem dritten Buch befasst sie sich erneut mit alltäglichen, menschlichen Ängsten wie Verlust und Neuanfang.
Die Protagonistin ist Marian. Eigentlich Marianne, doch der Name war ihr als aufstrebende High-Fashion-Designerin zu ländlich. Nur zu gern denkt sie an ihr glamouröses Leben in der gehobenen Mittelklasse mit allen Vorzügen: Champagner, 7-For-All-Mankind-Jeans, Edelstahl-Entsafter für Green Juices, Putzfrau, ihre Altbauwohnung in Wien. Doch momentan ist all das nur eine blasse Erinnerung an ein Leben, das es so schon lange nicht mehr gibt. Denn Marian verbringt nun ihre Tage allein, in einem maroden Häuschen, das sie von ihrer alten Tante geerbt hat, mitten im tiefsten Bauernkaff.

Was sie dazu zwang, alles Städtische aufzugeben und hier her zu ziehen, das erfährt man erst stückchenweise, vollständig sogar erst im letzten Drittel des Buchs. Das ist es auch, was „Wald“ auf eine subtile Weise spannend macht. Man taucht sofort mitten ins Geschehen ein, mitten in den Alltag als Selbstversorger und weiß eigentlich gar nicht, was man hier überhaupt macht. So, wie es Marian selbst ging. Nach und nach kommt zu Tage, wie es dazu kommen konnte. War es Selbstverschulden? Oder musste es durch die Verkettung von einzelnen, negativen Zufällen sogar dazu kommen? Man begleitet die Protagonistin anhand von Monologen durch ihren Alltag in der einsamen Hütte, folgt ihren Gedanken, die immer wieder zu ihrem früheren Leben abschweifen und stückchenweise über ihren Charakter informieren. Die Hauptprobleme sind dabei ihre Physis (leben ohne Geld, für Nahrung zu töten und die Angst vorm Erfrieren) sowie Psyche (der Verlust ihres sozialen Umfelds durch ihr Scheitern, die Zurückgezogenheit und das Gefühl, eine Aussetzige zu sein).

Auch wenn die Story anfangs zermürbend klingt, bringt Doris Knecht einen oft zum schmunzeln. Vor allem mit ihrem sinnierenden Erzählstil, mit dem sie oft den Nagel auf den Kopf trifft. „Alle Bauern am Land heißen Franz, alle, außer denen, die Sepp heißen.“ Pragmatisch schildert sie, wie der Versuch, einen Rückzugsort zu finden, plötzlich zum Überlebenskampf wird. Sie beschreibt Marian als Kämpferin, die sich in manchen Belangen zwar komplett ihrem Schicksal hingibt, aber trotzdem bestrebt ist, weiterzumachen. Zu überleben, irgendwie und so würdevoll es eben noch geht. Aber was setzt man schon als Währung ein, wenn man weder Geld noch Besitz hat? Genau, sich selbst. „Sie sollte jetzt aufstehen, jetzt gleich. Sie will einen Kaffee, jetzt gleich. Zuerst Kaffee, dann schauen wegen der Mausefalle, und weil sie an die Mausefalle denkt, denkt sie an Franz und ist froh, dass sie an Franz denkt und nicht an Bruno, und sie denkt daran, warum sie Franz hat und warum sie ihn jetzt hat und warum sie früher keinen Franz hatte.“

Der spezielle Schreibstil ist für mich, die ihre Sätze auch oft bis zur Unleserlichkeit verschachtelt, sehr sympathisch. Überhaupt würde ich das Buch jedem empfehlen, der etwas anspruchsvolles sucht, aber flüssig zu lesen ist, unterhaltsam und hintergründig. Es wirft Fragen auf, die man sich meiner Meinung nach öfter stellen sollte: Wie viel braucht man eigentlich zum Leben? Braucht man Luxus überhaupt und was bedeutet dieses Wort eigentlich? Für manchen ist Luxus schon ein Stück frisches Brot mit selbstgemachter Marmelade. Kein Buch, dessen großes Finale man mit jeder Seite entgegenfiebert, denn man weiß, dass es das nicht geben wird. Es ist eher, als höre man jemanden mit schöner Stimme beim Erzählen zu – man will nicht, dass er jemals aufhört. Es gehört zu den Büchern, die ich auch ein zweites mal lesen werde.

WALD von Doris Knecht ist um € 19,95 im Rowohlt Verlag erschienen und unter rowohlt.de erhältlich.
Seitenanzahl: 272. Hardcover.

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